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Er bewahrte seinen Klub letztes Jahr vor der Zweitklassigkeit. Nun startet er richtig durch und will zur WM. Andere Klubs sind schon längst hellhörig geworden.

PORTRÄT
Von Lukas Nowak

Am 13. Dezember 2010 gab die TSG 1899 Hoffenheim die Verpflichtung eines brasilianischen Talents bekannt: Roberto Firmino Barbosa de Oliveira, kurz Roberto Firmino. Der damals 19-Jährige kam mit dem Prädikat des besten Spielers der zweiten brasilianischen Liga in den Kraichgau. Vor der Zweitklassigkeit bewahrte er die TSG jüngst in der letzten Bundesliga-Saison. Aktuell spielt er ganz groß auf und hat noch Chancen auf die Weltmeisterschaft in seiner Heimat.

Inzwischen ist der offensive Mittelfeldspieler 22 Jahre alt. Seine Rückennummer wurde vor der Saison von der 22 auf die bedeutsame 10 geändert. Dass er im Kraichgau landete, war kein Zufall. Carlos Eduardo war sein Vorgänger, ehe der zu Rubin Kazan wechselte. Für Firmino damals Grund genug, in den Krauchgau zu kommen; obwohl ihm auch das Interesse von traditionsreicheren, internationalen Klubs nachgesagt wurde.

Seine Träume damals waren Schnee und Champions League, wie er es nach seinem Transfer der Bild gegenüber offenbarte. Der erste Traum dürfte bereits in Erfüllung gegangen sein. Vom Zweiten ist er aufgrund seiner Leistungen in den letzten Monaten gar nicht mehr so weit entfernt.

Vom einsamen Brasilianer zum Teamplayer

Nach Luiz Gustavos unvorhergesehenem Abgang zu Bayern München war er der einzige Brasilianer im Badner Land. Der Einsamkeit folgten eine fehlende Spielberechtigung und Disziplinlosigkeiten. Mehrfache Verspätungen riefen sogar einen Rausschmiss aus dem Kader hervor. Nach nur einem Spiel griff man wieder auf ihn zurück. Lange konnte man ihm also nie böse sein, auch aufgrund seiner spielerischen Klasse.

In seiner Laufbahn bei den Hoffenheimern erzielte er in 103 Bundesligaspielen 29 Tore und bereitete 18 weitere vor. Im Pokal traf er in acht Spielen sechsmal und assistierte bei vier Treffern. Beeindruckend ist die Quote in der Relegation: Zwei Spiele, zwei Tore, ein Assist. In Alles-Oder-Nichts-Spielen dreht der quirlige Brasilianer so richtig auf. Noch beeindruckender sind die Leistungsdaten der aktuellen Saison. Denn von den 29 Ligatoren gelangen ihm 14 in der aktuellen Spielzeit. Von den 18 Vorlagen gab er elf Stück alleine in dieser Saison. Seine Pokaltore und -vorlagen stammen allesamt aus 2013/14.

Die Zahlen sind das beste Beispiel für Firminos Entwicklung. Stellte er zu Beginn noch seine eigene Leistung in den Vordergrund, so ist es nun die Mannschaft, für die er spielt. Er gehört zu den drei besten Scorern der aktuellen Bundesliga-Saison. Alle Ehre gebührt dem Brasilianer, der nun in einem Atemzug mit Spielern wie Robert Lewandowski, Marco Reus und Mario Mandzukic genannt wird. Doch diese Leistungsexplosion weckt auch Begehrlichkeiten bei anderen Klubs.

Spitzenklubs stehen Schlange

Der Hoffenheimer Vereinsführung war wohl klar, dass sie nach Carlos Eduardo und Luiz Gustavo auch ihn eines Tages ziehen lassen müssten: "Es kann sein, dass Spieler irgendwann über uns hinauswachsen", mutmaßt Manager Alexander Rosen. Vorgesorgt hat man im Sommer bereits mit der Verpflichtung von Bruno dos Santos Nazario. Ein weiteres Talent, das von Figueirense kommt, genau wie Firmino damals.

Die Liste der Interessenten liest sich wie ein Auszug des Teilnehmerfeldes der nächsten Champions-League-Saison: Atletico Madrid, Lokomotive Moskau, Manchester United, Inter Mailand, Zenit Sankt-Petersburg, Juventus Turin,  VfL Wolfsburg und FC Schalke 04. Gerade die Blauweißen hatten sich zuletzt intensiv um den Offensivmann bemüht. Doch die Verantwortlichen der TSG machten schnell Nägel mit Köpfen und verlängerten den Vertrag bis 2017.

Spekulationen machten sich breit, ob er nicht trotzdem im Sommer den Verein verlassen würde und man nur die Ablösesumme in die Höhe treiben wolle. Für Rosen ausgeschlossen: "Die Frage stellt sich weder für uns, noch für den Spieler. Roberto hat seinen Vertrag sicher nicht verlängert, um den Verein im Sommer zu verlassen."

Große Wirkung auf den Verein

Der Hintergrund des Transfers ist ein anderer. Man will nicht das Gerüst der Mannschaft auseinanderreißen. Die Vertragsverlängerungen von Andres Beck und Eugen Polanski sowie der Verbleib von Kevin Volland und die Rückkehr vom ausgeliehenen Joselu hängen auch von der sportlichen Perspektive ab. Mit der Verlängerung von Firmino steigen die Aktien der TSG erheblich: Beck sprach von einem "guten", Volland von einem "positiven Zeichen" und Coach Markus Gisdol gar von einem "Meilenstein".

Der Brasilianer selbst begründete seine Vertragsverlängerung folgendermaßen: "Ich fühle mich hier sehr wohl. Mir gefällt der vom Verein eingeschlagene Weg. Wir spielen einen aufregenden Fußball, der Teamgeist ist super und ich werde weiter hart an mir arbeiten, um der Mannschaft auch künftig so gut es geht zu helfen."

WM-Traum lebt mehr denn je

Der FC Schalke muss jetzt wohl noch ein Jahr oder länger auf den Edeltechniker warten. Sportvorstand Horst Heldt vermutet eine Ausstiegsklausel im Vertrag von Hoffenheims Nummer zehn: "Er weiß genau, zu welchem Zeitpunkt er einen Vertrag verlängert und auch, was für Möglichkeiten es gibt, während einer Vertragslaufzeit aus einem Vertrag herauszukommen." Doch ob es dann noch was mit dem Transfer wird, weiß man nicht genau. Das hängt vor allem von zwei Faktoren ab - zum einen der WM 2014, und zum anderen vom Abschneiden Hoffenheims in der kommenden Spielzeit.

Die Weltmeisterschaft im eigenen Land war bei seinem Antritt in Hoffenheim das erklärte Ziel. Nun besuchte ihn erst kürzlich der brasilianische Nationaltrainer Luiz Felipe Scloari im Kraichgau. Einen größeren Ansporn kann es für den 22-Jährigen wohl nicht geben. Denn: Er ist auf dem Radar der Selecao, und wenn er weiter seine Leistungen bestätigt ist er ein heißer Kandidat.

Einen anderen Traum hat er sich noch nicht erfüllt – und der heißt Champions League. Mit Hoffenheim ist die Königsklasse trotz der Entwicklung nicht wirklich in greifbarer Nähe. Hier könnten die Königsblauen ins Spiel kommen. Immer wieder wird Julian Draxler mit einem Transfer in Verbindung gebacht. Für dessen Nachfolge wäre Roberto Firmino quasi vorbestimmt. Im offensiven Mittelfeld fehlt es den Schalkern ohnehin schon an Alternativen. Für den europäischen Anspruch der Knappen ist der Kader entweder zu dünn oder qualitativ zu schwach besetzt.

Zur Hängepartie würde ein möglicher Transfer des Brasilianers dann werden, wenn er bei der Weltmeisterschaft am Zuckerhut auftrumpfen und in der Bundesliga noch weiter aufdrehen würde. Schießt er Hoffenheim ins internationale Geschäft und bekommen die Kraichgauer ihre Defensive in den Griff, ist nichts mehr unmöglich.

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