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In diesem Auszug aus Pirlos Autobiographie "Ich denke, also spiele ich" erzählt der Ex-Weltmeister von den Streichen, die er seinem Kollegen in der Nationalmannschaft gespielt hat.

Andrea Pirlo und Rino Gattuso waren in den 2000er-Jahren eines der besten Duos im zentralen Mittelfeld. Der unten aufgeführte Auszug erzählt von ihren lustigen Streitigkeiten neben dem Platz. ICH DENKE, ALSO SPIELE ICH von Andrea Pirlo ist auf Papier und als E-Book erhältlich.

BUCHAUSZUG
Von Andrea Pirlo

An meinem Gesicht mit seinem unergründlichen Ausdruck lässt sich nicht erahnen, was ich gerade denke. Das ist das Schöne: Ich kann mir die verrücktesten Geschichten ausdenken, die seltsamsten Sachen meinen Teamkollegen erzählen und jeder glaubt, dass ich es todernst meine. Sie verstehen nicht, was los ist - und ich habe Spaß. Ich lache mich innerlich kaputt, aber nach außen bleibe ich regungslos und plane schon meinen nächsten Gag. Manchmal kassiere ich deshalb Schläge, besonders, wenn Rino Gattuso betroffen war.

Er ist nicht gerade belesen oder ein großartiger Redner - und deshalb verwandelte sich die Kabine jedes Mal in den Karneval in Rio, wenn Rino etwas sagte. Die Jungs machten sich über ihn lustig, wie ein Tusch mit einer Trompete und Trommeln. Immer die gleiche Reaktion. Wir haben ihn nicht mal ausreden lassen, bevor wir uns über ihn lustig gemacht haben.

Ich habe ihn immer "terrone" genannt, ein abwertendes Wort für einen Süd-Italiener - und er hat mich dann geschlagen. Um es ihm zurückzuzahlen, habe ich ihm sein Handy weggenommen und einige SMS an Ariedo Braida, unseren Geschäftsführer, geschickt. Einmal wartete Rino genau wie ich auf eine Vertragsverlängerung. Ich habe dann für ihn mit nur einer einzigen Nachricht verhandelt. "Lieber Ariedo, wenn du mir das gibts, was ich haben will, kannst du meine Schwester haben."

Rino fand das Ganze heraus und hat mich vermöbelt, bevor er dann Braida anrief. "Das ist nur einer von Pirlos blöden Scherzen", sagte er. Ich hab mich immer gefragt, was wohl die Antwort gewesen ist. Vielleicht "schade"?

Vor Spielen mit der italienischen Nationalmannschaft versteckte sich Daniele De Rossi immer unter Rinos Bett und wartete auf ihn. Bis zu einer halben Stunde lag er da. Gattuso kam dann rein, putzte seine Zähne und zog sich seinen Schlafanzug im Leoparden-Design an. Dann nahm er ein Buch und sah sich die Bilder an. Wenn er gerade einschlief, packte ihn Daniele auf beiden Seiten und ich stürzte aus dem Schrank auf ihn zu und machte furchterregende Geräusche. Rino überstand das meist ganz gut, obwohl wir einen Herzinfarkt bei ihm riskierten. Erst zahlte er es Daniele zurück und dann war ich dran. Er wollte nur beweisen, dass er mit beiden Händen gleich gut zuhauen konnte.

Harter Hund | Gattuso ging körperlich ziemlich zur Sache
 

Ein anderes Mal schäumten wir ihn mit einem Feuerlöscher komplett ein. Ein Unentschieden in Irland hatte uns zur Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika gereicht und deshalb war das letzte Gruppenspiel vier Tage später in Parma gegen Zypern nur noch ein besserer Testkick. Es war ohne Bedeutung - und so gingen wir auch an das Duell heran.

Lippi gab uns einen Abend in Florenz frei und fast alle von uns gingen gemeinsam Essen. Gattuso nicht, er blieb im Hotel. Als wir zurückkamen, waren wir ziemlich betrunken. Na gut, sehr betrunken. Wir unterhielten uns noch kurz in der Lobby. Weil wir noch nicht müde waren, brauchten wir einen Zeitvertreib. Und alle hatten dieselbe Idee: "Lasst uns Gattuso ärgern."

Er schlief schon, mit seiner kleinen Schlafmütze auf dem Kopf. Auf dem Weg nach oben entdeckte De Rossi im Gang einen Feuerlöscher. "Ich werde Gattuso auslöschen", sagte er. Wir klopften an und Rino öffnete und rieb sich schläfrig die Augen. Daniele begann zu löschen und schäumte ihn völlig ein, bevor er wegrannte, um sich in seinem Zimmer zu verstecken.

Er ließ mich mit diesem Monster in Unterhose einfach alleine. Gattuso war tropfnass, voller Schaum und brüllte unverständliches Zeug. Als ich ihn schreien hörte, wusste ich, dass er gleich richtig wach werden würde. Ich versuchte zu fliehen, aber das ging nicht mehr. Wenn Gattuso hinter dir herrennt und dir weh tun will, kannst du so schnell laufen wie du willst: Er bekommt dich immer. Rino verpasste mir alle Schläge, die er drauf hatte.

Gattuso ist außerdem ziemlich abergläubig. Bei der WM 2006 trug er, weil es für uns gut lief, immer denselben Jogginganzug - und das mehr als einen Monat lang. In Deutschland war es fast 40 Grad heiß und er sah aus wie ein Tiefseetaucher. Ab dem Viertelfinale begann er, streng zu riechen. Jetzt brauchte er keinen Feuerlöscher mehr, sondern eher eine Riesenladung Duftkissen.
 

Gattuso griff sich eine Gabel und versuchte, uns damit zu stechen. Einige von uns verpassten wegen Gattusos Gabel-Attacken Spiele.


Rino ist immer das Lieblings-Ziel meiner Späße gewesen, mit großem Abstand vor allen anderen. Und das, obwohl er mich mehrmals mit einer Gabel umbringen wollte. Während der Essen in Milanello dachten wir uns viele Dinge aus, um ihn zu quälen. Wenn er falsche Sätze baute (eigentlich fast immer), griffen wir das sofort auf. Und wenn er mal etwas korrekt sagte, erklärten wir ihm, dass das falsch gewesen sei, nur, um ihn noch mehr zu ärgern. Ambrosini, Nesta, Inzaghi, Abbiati, Oddo und ich - wir waren solche fiesen Typen.

"Rino, wie geht's?"

"Schlecht. Haben gestern verloren. Mir geht's besser, wenn wir gewonnen hätten."

"Versuch's nochmal, Rino. Es heißt: Mir würde es besser gehen, wenn wir gewonnen hätten."

"Aber das ist doch dasselbe."

"Nicht ganz, Rino."

"OK. Mir würde es besser gehen, wenn wir gewonnen hätten."

"Rino, wie doof bist du eigentlich? 'Mir geht's besser, wenn wir gewonnen hätten' - so sagt man das."

"Aber das hab ich doch vorhin gesagt."

"Was denn, Rino?"

"Das mit dem Gewinnen."

"Was mit dem Gewinnen, Rino? Kannst du das noch einmal wiederholen?"

Man konnte immer sehen, wie er immer wütender wurde und das nicht verstecken konnte. Wir wussten, was dann kommt und deshalb haben wir ihm immer die Messer weggenommen. Gattuso nahm dann eine Gabel und versuchte, uns damit zu stechen. Mehr als einmal gelang ihm das auch. Einige von uns verpassten wegen Rinos Gabel-Attacken Spiele, auch wenn die offizielle Erklärung des Klubs dann "muskuläre Probleme" war.

Wir sind ihm meist lieber aus dem Weg gegangen, wenn er wütend wurde. Aber wenn er sich wieder beruhigt hatte und in sein Zimmer gegangen war, haben wir uns wieder hervorgetraut und ihm mehrere Sofas vor die Zimmertür gestellt, damit er nicht mehr raus konnte.

"Lasst mich raus, gleich fängt das Training an."

"Komm damit selbst klar, terrone."

Dann regte er sich wieder auf und haute alles kaputt, was ihm in die Finger kam. Aber selbst, wenn er wütend war, war er immer noch ein netter Kerl.

Unter anderem habe ich auch gesehen, wie er wegen einer Wette lebende Schnecken gegessen hat. Man muss wirklich einen Film über ihn drehen.



'Ich denke, also spiele ich' von Andrea Pirlo ist auf Englisch als Buch und E-Book erhältlich
Weitere Informationen gibt es auf www.backpagepress.co.uk

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