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El Clasico: Wer hat den psychologischen Vorteil - Real oder Barcelona?

Beide Klubs hatten vor dem Pokalfinale so ihre Probleme. Welche Mannschaft hat dadurch einen Nachteil? Goal hat El Clasico unter die Lupe genommen.

ANALYSE
Von Ben Hayward

Real Madrid und der FC Barcelona geben sich im heiß ersehnten Finale der Copa del Rey die Ehre. Am Mittwoch stehen beide immens unter Druck - die Vorbereitungen liefen nicht wie erwartet und die Erwartungen der Fans sind hoch.

2011 trafen beide Klubs zuletzt im Copa-Finale aufeinander - damals, auch im Mestalla von Valencia, hatten die Königlichen die Nase vorne. Im diesjährigen Finale wird der damalige Matchwinner und amtierende Weltfußballer Cristiano Ronaldo allerdings fehlen. Hinzu kommt, dass die Madrilenen in der laufenden Spielzeit bereits zweimal gegen Barca verloren haben - gegen Spitzenteams war das Team von Trainer Carlo Ancelotti bislang selten auf der Höhe des Geschehens.

Auch die Katalanen haben mit immensen Problemen zu kämpfen. Neben dem Spielfeld sorgten der Transfer von Neymar und der Rücktritt von Präsident Sandro Rosell für Unruhe - das Aus in der Champions League gegen Atletico Madrid und die blamable Liga-Niederlage bei Granada am Samstag taten ihr Übriges für den Saisonverlauf. Gerardo Martino bezeichnete das internationale Aus als "Misserfolg". Verteidiger Martin Montoya erklärte, die Spieler seien nach der Niederlage in Andalusien "mental ziemlich am Ende."

Wird das Finale von 2011 eine Rolle spielen? Kann Real ohne Ronaldo bestehen? Wie wird Barcelona mit den Problemen umgehen? Welche Mannschaft hat den psychologischen Vorteil?

Um diese und weitere Fragen zu beantworten, hat Goal sich mit der Sportpsychologin Patricia Ramirez unterhalten. Sie wiederum hat die Themen in ihrem Master-Studiengang an der Universität für höhere Psychologie in Barcelona behandelt. Hier sind die Ergebnisse ...

Werden die zwei jüngsten Clasico-Niederlagen Real Madrid verunsichern?

Zwar waren Reals Ergebnisse gegen Barcelona in dieser Saison nicht gerade vielversprechend, jedoch sind es vor allem die Resultate der letzten Spiele, die auf das Pokal-Finale Einfluss haben werden. Die Madrilenen haben in der letzten Woche das Halbfinale der Champions League erreicht und in der Liga Almeria abgeschossen. In der Primera Division war es ein wichtiger Sieg, durch den man zurück auf den zweiten Platz gestoßen und somit wieder im Titelrennen ist - auch wenn die Königlichen auf Ausrutscher Atleticos angewiesen sind.

Barcelona hingegen musste zwei schmerzhafte Niederlagen hinnehmen, die das Aus in der Champions League sowie in der Meisterschaft den Absturz auf den dritten Platz bedeuteten. Diese jüngsten Ergebnisse könnten zwischen den beiden Teams den Unterschied ausmachen: Eines geht mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein in die Partie, das andere wurde nach den Rückschlägen auch mental zurückgeworfen.

In den direkten Duelle hat Real zuletzt zweimal verloren. Jedoch war das letzte dieser Spiele ein Fight zweier großartiger Teams, in dem kleine Details entscheidend waren und in dem jede der beiden Mannschaften gewinnen hätte können. Daher sollte das Finale nicht allzu sehr unter dem Einfluss dieser Spiele stehen, stattdessen dürften andere Faktoren entscheidend sein.

Ancelotti muss diese Situation nun ausnutzen und den Spielern deutlich machen, dass das Momentum auf ihrer Seite ist. Er muss deutlich machen, dass Real in allen drei Wettbewerben Chancen auf den Titel hat, während der Erzrivale zurückgeworfen wurde. Was die variablen Faktoren angeht, ist das eine der größten Waffen, die Ancelotti zugunsten seines Teams nutzen kann. 

Welches der beiden Teams steht unter größerem Druck?

Unter Berücksichtigung der oben genannten Punkte steht Barcelona momentan unter größerem Druck. Die Champions League musste abgehakt werden, nachdem man dort auch fußballerisch weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Nach dem letzten Liga-Spiel hat man den Titelgewinn zudem nicht mehr in den eigenen Händen. Sowohl für Martino als auch für die Spieler ist das Spiel am Mittwoch somit eine große Chance, sich mit den Fans zu versöhnen und die Saison zumindest ein bisschen zu retten.

Für die Madrilenen wäre ein Pokalsieg unterdessen so etwas wie ein Sicherheitspolster. Nach dem Erreichen des Champions-League-Halbfinals und den Verletzungsproblemen von Schlüsselspieler Ronaldo haben sich die Saisonziele ein wenig verschoben, La Decima, der zehnte Landesmeister-Titel, hat nun Priorität.

Die Sache wäre natürlich eine andere, wenn Madrid weder die Königsklasse noch die Liga gewinnen sollte. In diesem Fall wäre der Pokal eine sehr gute Möglichkeit, die Saison dennoch mit einem Titel abzuschließen. Das aber bleibt abzuwarten, zweifelsohne ist Real jedoch ein Team, für das Trophäen Pflicht sind. Das gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Madrilenen in den letzten dreieinhalb Spielzeiten lediglich eine Meisterschaft, eine Copa und einen spanischen Supercup gewonnen haben. 

HWie wird Real Madrid ohne Cristiano Ronaldo zurechtkommen?

Ronaldo ist für Real Madrid ein Schlüsselspieler und sein Fehlen könnte bei den Mannschaftskollegen für Zweifel sorgen. All das hängt davon ab, ob ein Gefühl der Abhängigkeit herrscht. Ob der Trainer dafür gesorgt hat, dass es in der Gruppe Zusammenhalt gibt und man sich im Gesamten als Team fühlt, dass jeder Einzelne etwas Besonderes und Einzigartiges auf das Feld bringt. Wenn das gewährleistet wurde, sollte Ronaldos Fehlen kein allzu großes Problem darstellen, da der Ersatzmann dazu bereit sein sollte, alles für die Mannschaft und das Spiel zu geben.

Für Barcelona hingegen könnte es einen Schub geben. Der Schwachpunkt des Rivalen kann ausgenutzt und zu einer Stärke des eigenen Teams gemacht werden. Je mehr Variablen und Faktoren vor dem Spiel studiert werden, desto mehr Selbstbewusstsein und Sicherheit werden die Spieler haben, wenn sie das Feld betreten. All das kommt in solchen Spielen vom Wissen über die eigene Stärke und des Gegners Schwächen.

Wie kann Martino sein Team nach den letzten Misserfolgen wieder aufbauen?

Vor allem geht es darum, den Begriff "Misserfolge" neu zu bewerten. Er muss seinen Spielern deutlich machen, dass Misserfolge Teil eines Lernprozesses sind, irgendwo auf dem Pfad zwischen dem, was man hat, und dem, was man erreichen möchte. Die Barca-Akteure haben gegen Atletico Madrid gespielt und verloren, der Misserfolg bestand darin, dass das Ziel Halbfinale verpasst wurde. Deshalb muss man nun daran arbeiten, die übrigen Saisonziele zu erreichen, da jedes Spiel nun ein "Finale" ist. Und wenn man die verbleibenden Matches nicht allesamt gewinnt, ist unsicher, was passieren wird. An vorderster Stelle sind es der Trainer und sein Stab, die das nicht zulassen dürfen.

Der Trainer und die Spieler müssen, zunächst jeder für sich und dann gemeinsam, folgende Frage beantworten: "Was kann ich, was können wir tun, um unser Ziel zu erreichen?" So analysieren sie ihre Leistung und konzentrieren sich auf die Lösungen anstatt auf die gemachten Fehler. Das hilft dem Team, sich zu entwickeln. So kann es diese Niederlagen überwinden.

Vor dem Finale ist Barcas Moral nach den Ereignissen der letzten Woche möglicherweise beschädigt, dieses Spiel ist durch seine Bedeutung aber die beste Möglichkeit, sich zu rehabilitieren. Die Mannschaft kann sich so zu Höchstleistungen anstacheln.

Spielen Ablöse und Nebenschauplätze für Neymar und Bale eine Rolle?

Es ist wahr, dass die hohen Ablösesummen eine Last für Gareth Bale und Neymar sein könnten – gleiches gilt für die Probleme um den Neymar-Transfer an sich. Allerdings hängen die Preise vom Markt ab, nicht von den Spielern.

Es ist also an den Spielern oder an Psychologen und Spezialisten, mit diesen Problemen umzugehen und sich auf das Spiel zu fokussieren. Es ist bewiesen, dass sich das Gehirn nur auf eine Stimulation gleichzeitig fixieren kann – deshalb muss der Spieler den Kopf genauso trainieren wie seinen Körper. Nur so kann er sich auf das Spiel konzentrieren und auf den Erfolg hinarbeiten.

Der Fokus muss also gänzlich auf dem Spiel liegen: Spielzüge, Bewegungsabläufe, Taktik. Alle möglichen Ablenkungen müssen eliminiert werden, um die Ausführung nicht zu beeinträchtigen.

Hat Madrids Sieg im Finale 2011 irgendeine Bedeutung?

Im Finale stehen die Chance 50-50. Barcelona muss für die Moral siegen und die Saison retten – im Finale werden sie mit neuem Enthusiasmus antreten. Real Madrid muss hingegen den Titel holen, um Kraft für die kommenden Aufgaben zu schöpfen: Die Aufholjagd in der Liga und das Champions-League-Halbfinale gegen den FC Bayern München.

Das Finale von 2011 wird keine große Rolle spielen. Die Ausgangssituation ist eine ganz andere, beide Mannschaften hatten damals andere Bedingungen und waren 2011 in einer anderen Verfassung. Am Mittwoch wollen beide siegen, es gibt keinen klaren Favoriten – deshalb entsteht wahrscheinlich auch kein psychologischer Vorteil.

Im selben Stadion gegen die Madrilenen bereits verloren zu haben, könnte bei den Katalanen allerdings für eine negative emotionale Bindung zum Mestalla sorgen. Erinnerungen und Erfahrungen haben immer Einfluss auf die Gegenwart – Spieler haben allerdings Motivatoren in ihrem Umfeld, die die Gedanken in positive Kraft umwandeln können. Es ist ihnen überlassen, ob sie sich von der Vergangenheit beeinflussen lassen oder sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, um ihren Gegner mit den richtigen Mitteln zu besiegen.

"Ich glaube nicht, dass das Finale von 2011 ein psychologischer Vorteil für uns ist", erklärte Carlo Ancelotti. Allerdings haben die Katalanen auch mit einem Trainer zu kämpfen, der seine Ideen derzeit nicht umsetzen kann...

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