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Der Übungsleiter ließ viel an der Taktik feilen. Was in der Hinrunde ob vieler Verletzungen noch nicht ausreifen konnte, soll nun positive Wirkung zeigen.

TAKTISCHE ANALYSE
Von Hassan Talib Haji | Goal-Korrespondent

Gelsenkirchen. Das Trainingslager in Doha (Katar) ist beendet. Nun bereitet sich Bundesligist FC Schalke 04 für die Rückrunde am heimischen Ernst-Kuzorra-Weg vor. Der Rückstand auf den enorm wichtigen Platz vier beträgt zur Halbzeit der Saison vier Punkte und soll unbedingt wettgemacht werden. Schließlich ist die Qualifikation für die Champions League das erklärte Ziel Nummer eins. Da Stürmer Klaas-Jan Huntelaar in Kürze wieder ins Mannschaftstraining einsteigt, bieten sich Jens Keller nun die taktischen Optionen, die er sich wünscht.

Eine Kostprobe gab es während des Aufenthalts in Doha, wo der Coach eine 4-1-4-1-Formation einstudieren ließ. Goal wirft einen Blick auf die Variationsmöglichkeiten Kellers in der Rückrunde:

Das neue 4-1-4-1

Unter der Sonne Katars schufteten und tüftelten die Spieler samt Trainerstab an diesem für Schalke neuen System. Erstmalig testete es der Verein in großem Umfang beim Wüstenkick in Abu Dhabi gegen Eintracht Frankfurt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Defensiv-Verhalten und zweimaligem Rückstand griffen die Automatismen immer besser. Die Knappen bezwangen den Liga-Konkurrenten noch mit 3:2.

Der FC Bayern München und auch der FC Augsburg sind unter anderem Mannschaften, die diese Einteilung beherrschen. Das 4-1-4-1 ist laufintensiv und stellt für geübte Beobachter eine Art Weiterentwicklung des 4-2-3-1 dar. Idealerweise wird hier beim Pressing im Verbund nach außen verschoben. Einzige Absicherung ist der defensive Mittelfeldabräumer. Bei dieser taktischen Variante lässt sich das System durch die Spieler situationsbedingt leicht verändern, wenn sich aus der vorderen Viererkette ein zentraler Spieler fallen lässt, wie es Max Meyer auf Schalker Seite gegen Frankfurt häufig tat.

So kann eine mögliche Unterzahl im Zentrum vermieden werden. In der Grundformation setzt das 4-1-4-1 ein intensives Pressing aber auch aggressives Gegenpressing voraus. Der eigene Mittelstürmer widmet sich, anders als seine Hintermänner, mannorientiert einem der Innenverteidiger. Dem zweiten Abwehrmann wird bewusst Raum gelassen. Damit wird er zum Spielaufbau gelockt und ab diesem Zeitpunkt soll das System greifen.

Boateng wäre ein Profiteur im 4-1-4-1

Ein Beispiel: Der gegnerische Innenverteidiger eröffnet das Spiel, allerdings ist der Raum der Anspielstationen engmaschig durch das Verschieben im Kollektiv. Der Pass wird ins zentrale Mittelfeld gespielt. Der eigene Achter in der Mittelfeldkette attackiert und presst sofort. Der Mittelstürmer stellt den passgebenden Innenverteidiger zu oder deckt den möglichen Rückpass zu ihm ab (Deckungsschatten). Der äußere Mittelfeldspieler schiebt gleichzeitig auf den Außenverteidiger. Anspiele sind nun risikobehaftet und es ergeben sich nach Fehlern die nötigen Ballgewinne, die durch schnelles Umschalten zum Torerfolg führen können.

Taktik-Experte Tobias Escher von Spielverlagerung.de analysiert für Goal im Speziellen wie sich das neue System auf einzelne Schlüsselspieler Schalkes auswirken könnte: "Ein 4-1-4-1 käme vor allem Boateng zugute. Schon bei Milan hat er auf der Position des Achters gespielt. Hier hat er eine bessere Anbindung an das eigene Aufbauspiel. Zugleich kann er bei den Vorstößen seine Dynamik ausspielen. Ein 4-1-4-1 mit Roman Neustädter als Sechser und Kevin-Prince Boateng und Marco Höger oder Leon Goretzka als Achter würde zu den Spielern passen."

"Probleme sehe ich eher weiter vorne. Für Julian Draxler fällt die Zehnerposition weg, da es diese in einem 4-1-4-1-System nicht gibt. Er müsste Linksaußen spielen, was er ebenfalls beherrscht, wo ihm aber manchmal die Anbindung ans Spiel fehlt. Auch Huntelaar müsste sich neu erfinden. Gerade gegen den Ball muss der Stürmer in dieser Variante viel Arbeit machen, siehe Mario Mandzukic bei den Bayern oder auch Stefan Kießling bei Leverkusen. Ich hatte immer das Gefühl, dass Huntelaar sich am wohlsten fühlt, wenn er sich im Strafraum aufhält", so Escher weiter.

Er betont, wie wichtig die Position des Stoßstürmers für den Erfolg dieser Formation ist: "Spannend wird auch sein, wie Schalke das größte Problem des defensiven 4-1-4-1 löst: der Umschaltmoment von Defensive auf Offensive. Nur der Stürmer steht vorne zum Kontern bereit. Er muss entweder sehr gut Bälle halten und ablegen können oder das Team spielt die Konter nicht aus." 

Das bekannte 4-2-3-1


In den letzten Jahren bevorzugte S04 das System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern in der Schaltzentrale. Einer der beiden war dabei etwas offensiver ausgerichtet, agierte als Achter. Keller ließ häufig das Duo Neustädter/Höger ran. Nach der Verletzung Högers (Kreuzbandriss) kam Dennis Aogo ins Spiel, doch auch die Leihgabe vom Hamburger SV verletzte sich schwer am Knie - beide fallen bekanntermaßen für die Rückrunde aus. Fortan kam das Duo Neustädter/Jones zum Einsatz, eine wesentlich defensivere Variante, da beide vom Spielertyp mehr Ballgewinner sind, Jones sogar mehr der Zerstörer alter Schule, dessen Aufbau eher beschaulicher Natur ist.

Flügelflitzer als Schlüsselspieler

Das 4-2-3-1 gilt als ein Entwicklungsschema, welches aus dem 4-3-3 geboren wurde. Anders als beim 4-1-4-1 wird in diesem bevorzugterweise der Gegner nach innen geschoben, wo das Zentrum aufgrund der Doppelsechs im Raum nicht viel Platz bietet und sich somit Überzahlsituationen schaffen lassen. Wichtig ist hierbei, dass viele eigene Spieler hinter den Ball kommen, um das für dieses System wichtige und korrekte Umschalten von Abwehr auf Angriff nach Ballverlust des Gegners zu forcieren. An dieser Stelle soll aus dem Zentrum auf Außen verlagert werden, denn aus dem 4-2-3-1 wird in der Offensive ein 4-3-3. Bei Schalke 04 war dies in der Vorsaison sehr gut zu beobachten. Diese Spielweise machte den Revierklub zu einer der besten Kontermannschaften der abgelaufenen Spielzeit.

Bei kärglichem Spiel gegen den Ball werden die Außen meist unter Druck gesetzt. In der Defensive müssen zwingend Laufbereitschaft sowie taktische Disziplin an den Tag gelegt werden. Denn sollte das Verschieben nach innen nicht funktionieren, müssen die äußeren Mittelfeldspieler weit mehr Defensivarbeit verrichten als üblich, um das Flügelspiel des Gegners nicht aufkommen zu lassen, die Außenverteidiger zu unterstützen. Der Gegner sollte tunlichst nicht in den Rücken der eigenen Viererkette gelassen werden, die Geschlossenheit darf nicht verloren gehen. In der Hinrunde war dies aber bei der Keller-Elf häufig zu erkennen. Ein Ergebnis der mitunter schlechten und von den Verantwortlichen auch zurecht kritisierten Laufleistung. Die vielen Gegentore sprechen hier eine deutliche Sprache.

Das alte 4-4-2 (Doppelsechs)


In der Sommer-Vorbereitung ließ Keller mit Neuzugang Adam Szalai und Platzhirsch Huntelaar das 4-4-2 üben, welches dem Ungar zugutekam. Als der Niederländer sich am Innenband im Knie verletzte und ausfiel, blieb mit Szalai nur noch ein nomineller Stürmer. Somit wurde für die Hinrunde auf das 4-2-3-1 gesetzt.

Bei dem flachen 4-4-2 (keine Raute) wird auf einen Spielmacher verzichtet, da der Weg im Aufbau zumeist konsequent über die Flügel gesucht wird. Hier stehen die Außenverteidiger besonders im Fokus, da sie direkt und bewusst eingebunden werden. Ein gutes Zusammenspiel auf den Außenpositionen ist unabdingbar. Beim FC Schalke lässt sich dies durch Farfan und Rechtsverteidiger Atsuto Uchida sehr gut untermauern. In der Offensive harmonieren beide oft hervorragend. Farfan bieten sich durch das Aufrücken des Japaners mehrere Möglichkeiten: Situationsbedingt kann dieser nach innen ziehen und Uchida Raum lassen, um angespielt zu werden und Flanken zu schlagen.

Zentrum wird dicht gemacht

Jedoch kann sich der Peruaner auch fallen lassen und aus dem Halbfeld selbst den Ball kurz vor oder lang in den gegnerischen Strafraum bugsieren, oder auch Uchidas Offensivbemühung absichern, sollte dieser den Ball verlieren. Letzteres hängt zumeist von Spielverlauf und Zwischenstand ab. Ziel ist es hierbei aber in erster Linie über außen in den Rücken der Viererkette zu gelangen. Gelingt dies, rückt der Linksaußen (Draxler) bestenfalls an sein Strafraumeck, die Mittelstürmer ins Zentrum vor das gegnerische Tor und aus dem defensiven Mittelfeld postiert sich ein Spieler der Doppelsechs zentral vor dem Strafraum, vorzugsweise der Achter.
SO GEHT'S WEITER
Schalkes anstehende Aufgaben
26.01. Hamburger SV (A)
01.02. VfL Wolfsburg (H)
09.02. Hannover 96 (H)
15.02. Bayer Leverkusen (A)
21.02. FSV Mainz 05 (H)
26.02. Real Madrid (H)

In der Defensive verhält es sich ähnlich wie beim 4-2-3-1: Das Zentrum wird kompakt und geschlossen gehalten. Die beiden Stürmer attackieren früh, die Doppelsechs und das äußere Mittelfeld sichern ab, wobei die Außenbahnen zugemacht werden, um den Gegner nach innen in die Überzahl zu locken. Lauf- und vor allem kopfballstarke Innenverteidiger sind bei diesem System von Vorteil, da die beiden Sturmspitzen den Gegner durch aggressives Pressing zu langen Bällen zwingen sollen. So bieten sich kaum Möglichkeiten für den Kontrahenten, da die Mitte dicht gestaffelt ist und die Außen gedeckt sind - der lange Ball bleibt oft die einzige Lösung.

Fazit

Keller hat nun drei mögliche Systeme, die er spielen lassen kann, falls Schalke nicht noch mal eine solche Verletztenmisere heimsucht. Vor allem verfügen die Königsblauen über das nötige Spielermaterial, um flexibel auf unterschiedliche Widersacher und Spielsituationen reagieren zu können. Diese Variationen machen das Team für den Gegner viel schwerer auszurechnen und damit wesentlich gefährlicher.

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