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Johannes Liebnau plädiert beim HSV unter anderem für eine Verkleinerung des Aufsichtsrats

Liebnau lehnt Ausgliederung beim Hamburger SV ab – „Die Rechtsform ist für den Erfolg nicht entscheidend“

Johannes Liebnau plädiert beim HSV unter anderem für eine Verkleinerung des Aufsichtsrats

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Bis zur kommenden Mitgliederversammlung am 19. Januar herrscht in Hamburg Wahlkampf. Befürworter und Gegner einer Ausgliederung werben in der Strukturdebatte um Stimmen.

INTERVIEW
Das Gespräch führte Daniel Jovanov

Der Hamburger SV steht vor einer wegweisenden Entscheidung: Soll die Profifußballabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert werden, um sich strategischen Partnern und Investoren zu öffnen? Die Strukturdebatte spaltet die Mitgliedschaft in zwei große Lager. Auf der einen Seite steht die "Initiative HSVPLUS", die sich für eine ausgegliederte Profifußballabteilung stark macht. Auf der anderen die "HSV-Reform", ein von vielen Mitgliedern des Supporters Club unterstütztes Konzept zur Verbesserung der Vereinssatzung. Unter ihnen ist auch Johannes Liebnau, 31, Vorsänger der großen Fangruppierung "Chosen Few". Der bekennende Ultra erklärt im Gespräch mit Goal, warum eine Ausgliederung nicht notwendig ist und welche Gefahren er im Verkauf von Vereinsanteilen sieht.

Herr Liebnau, wann ist die Idee zur Verbesserung der Vereinssatzung entstanden?

Johannes Liebnau: Wir beschäftigen uns im Grunde genommen schon immer mit der Frage, was in unserem Verein gut und was nicht so gut läuft. Insofern ist das ein ständiger Prozess.

Wie verliefen die Diskussionen?

Liebnau: Intensiv und kontrovers. Es ist ein Thema, das viele Mitglieder in den letzten Monaten bewegt hat. Unsere formulierten Verbesserungsvorschläge sind ein großer gemeinsamer Nenner innerhalb der Mitglieder, die unsere Reformpläne unterstützen.

Ihre Initiative betont, dass sie auf das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder beim HSV stolz ist. Welchen Wert wird dem Thema Mitbestimmung innerhalb Ihrer Fangruppierung Chosen Few beigemessen?

Liebnau: Auch eine Ultragruppe hat sich das Thema Mitbestimmung auf die Fahne geschrieben. Beispielsweise in unseren wöchentlichen Sitzungen, da wird jedes Thema ausführlich diskutiert. Die Meinungsbildung ist intensiv und zeitaufwändig, obwohl Außenstehende vielleicht häufiger annehmen, dass unsere Gruppierung homogen ist und alle Mitglieder dieselben Auffassungen vertreten.

Eine Ihrer Thesen besagt, dass nicht die Rechtsform sondern Qualität der handelnden Personen zum Erfolg führt. Hat der HSV ausreichend Qualität?

Liebnau: Gemessen an den aktuellen und den Ergebnissen der letzten Jahre, stellt man fest, dass der HSV lange Zeit nicht ausreichend Qualität gehabt hat. Sonst würden wir aus unseren zahlreichen Möglichkeiten, die unbestritten vorhaben sind, mehr machen. Und die sind in der Stadt Hamburg im Vergleich zu anderen Regionen deutlich höher.

Kommen wir zu den Verbesserungsvorschlägen. Der Aufsichtsrat soll auf acht Mitglieder verkleinert werden. Was erhoffen Sie sich dadurch?

Liebnau: Aktuell ist es doch eindeutig, dass ein kleinerer Aufsichtsrat effizienter arbeiten und die Verschwiegenheit stärken könnte. Es muss aufhören, dass man mit den Indiskretionen sowohl im Rat als auch im Umfeld Politik macht. Wichtig finden wir auch, dass nicht mehr alle zwei Jahre gewählt wird. Dies sorgt immer wieder für Unruhe und Wahlkämpfe.

Schießt Geld keine Tore?


"Natürlich braucht ein Profifußballverein Geld. Doch die Höhe der verfügbaren Mittel allein entscheidet nicht automatisch über Erfolg oder Misserfolg. Dafür ist der HSV ein gutes Beispiel. Wir haben de facto hohe finanzielle Möglichkeiten, machen aber wenig daraus."

- Johannes Liebnau

Wie soll die Verkleinerung stattfinden?

Liebnau: Eine Verkleinerung des Aufsichtsrates würde mit einem Neuanfang gleichgesetzt werden. Wenn die Form und Größe dieses Gremiums verändert wird, müsste man sicher auch neu wählen.

Ein weiterer Punkt beinhaltet, dass der Aufsichtsrat nicht mehr über jeden Transfer mitbestimmen muss.

Liebnau: Er müsste sogar über gar keinen Tranfser mehr abstimmen, da dem Vorstand vor einer Transferperiode ein Budget freigegeben wird. Transferangelegenheiten stünden somit allein in der Verantwortlichkeit des Vorstandes, so lange dieser sich im Rahmen des Budgets bewegt. Ein Vetorecht über einzelne Transfers oder ähnliches besteht somit nicht mehr.

Wie oft sollte das Gremium tagen?

Liebnau: Wichtig ist, dass um den Verein und den Aufsichtsrat Ruhe herrscht. Dies ist derzeit vielleicht auch schwierig, weil es zu viele Sitzungen innerhalb eines Jahres gibt, über die anschließend jeder spricht. Der Aufsichtsrat rückt dadurch zu sehr in den Blickpunkt. Durch unsere Verbesserungsvorschläge erhoffen wir uns, dass sich dies verbessert.

Die zuständigen Vorstandsmitglieder sollen sich also mit größtmöglicher Aufmerksamkeit auf das Profifußballgeschäft konzentrieren können. Wozu werden sie auch zukünftig von einem Delegierten der Amateurabteilung und der Förderer kontrolliert?

Liebnau: Der Verein besteht nicht nur aus dem Profifußball, wenngleich sich vieles auf ihn fokussiert. Ich halte es für logisch, dass die großen Abteilungen einen Repräsentanten wählen können. Die Delegierten dominieren die Gremien nicht und waren im Übrigen nie unser Problem.

Für wie wichtig halten Sie das Thema Geld im Profifußball?

Liebnau: Mir wird gerne unterstellt, dass ich die Meinung vertrete: Geld schießt keine Tore. Natürlich braucht ein Profifußballverein Geld. Doch die Höhe der verfügbaren Mittel allein entscheidet nicht automatisch über Erfolg oder Misserfolg. Dafür ist der HSV ein gutes Beispiel. Wir haben de facto hohe finanzielle Möglichkeiten, machen aber wenig daraus. Einer der Gründe dafür ist sicherlich, dass wir lange Jahre keinen starken Sportchef hatten. Dem Bereich Finanzen muss innerhalb des Vereins ein höherer Stellenwert beigemessen werden, weshalb wir die Schaffung eines Finanzvorstandes vorschlagen.

Wie schätzen Sie die derzeitige Finanzsituation des HSV ein?

Libenau: Wenn wir uns als handlungsunfähig und kurz vor dem Kollaps stehend darstellen, tun wir uns keinen Gefallen. Es ist sicher unstrittig, dass der HSV mittlerweile klamm ist. Wenn wir uns die Entscheidungen der letzten Wochen und Monate anschauen, zum Beispiel die Verpflichtung eines renommierten Trainers oder die Vertragsverlängerung von Jonathan Tah, erkenne ich allerdings nicht, dass wir handlungsunfähig sind. 

Welche Maßnahmen sollte der Vorstand ergreifen dürfen, um an neues und zusätzliches Kapital zu kommen?

Liebnau: In der jetzigen Situation hat der Vorstand schon etliche Maßnahmen ergriffen. Wenn man nicht im Europapokal spielt und auf diese Haupteinnahmequelle verzichten muss, ist es doch nur logisch sich einem Sparzwang unterzuordnen. Neben einer gesunden Einnahmensteigerung ist aber auch entscheidend, was man mit den schon zur Verfügung stehenden Mitteln anstellt.

Warum lehnen Sie Anteilsverkäufe einer ausgegliederten Aktiengesellschaft ab?

Liebnau: Uns ist wichtig, dass der Verein selbstbestimmt bleibt. Es gibt sowohl innerhalb als auch außerhalb der 50+1-Regel genügend Beispiele dafür, dass der Einfluss eines Investors dem Verein nicht gut tut. Ich bezweifele, dass wir in einem ohnehin schon unruhigen Umfeld beim HSV einen Investor brauchen, der sich zu jedem Thema öffentlich zu Wort meldet. Das haben wir vor einigen Wochen am Beispiel von Herrn Kühne erlebt. Doch auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht halte ich Anteilsverkäufe für falsch. Was man einmal verkauft hat, ist erstmal weg. Die Gefahr, dass die einmalig generierten Gelder in einer oder zwei Fehlentscheidungen bei Transfers verpuffen, ist ungemein groß.

Was könnten Aktionäre mit ihren Anteilen an der Profifußballabteilung anstellen?

Liebnau: Auf dem Papier mag es zwar kein Mitspracherecht geben, allerdings würde ein Anteilseigner in der Öffentlichkeit Gehör finden und anfangen die Aktivitäten des Vereins zu bewerten. Ruhe wird die Hamburger Medienlandschaft doch einem Investor und somit auch unserem Verein nicht gönnen.

Haben Sie bei Herrn Kühne das Gefühl, dass er sich ins Vereinsgeschehen eingemischt hat?

Liebnau: Ja, absolut. Herr Kühne ist offenbar glühender Fan des HSV. Insofern ist es sogar nachvollziehbar, dass er sich zu bestimmten Themen äußert. Es hat allerdings einen anderen Beigeschmack, wenn es sich dabei zeitgleich um einen Geldgeber handelt.

Manfred Ertel, aktuell Aufsichtsratsvorsitzender des HSV und Unterstützer der HSV-Reform, äußerte in einem Interview, dass es kein Beispiel für nachhaltigen Erfolg in einer ausgegliederten Profifußballabteilung gäbe. Gibt es Ihrer Einschätzung nach Beispiele dafür, dass Profifußballklubs in der Rechtsform des Vereins nachhaltigen Erfolg haben?

Liebnau: Vor ein paar Jahren hätte man den HSV als positives Beispiel nennen können. In dieser Rechtsform haben wir international sehr erfolgreich mitgespielt. Über unsere Definition von Erfolg lässt sich allerdings streiten. Wir stehen zwei Mal in Folge im Halbfinale des Europapokals und sind trotzdem enttäuscht. Die Rechtsform ist für den Erfolg nicht ausschlaggebend.

Betrachten Sie Namensrechte auch als Anteile des Vereins?

Liebnau: Primär geht es um die Frage, inwieweit man sich von außen leiten lassen möchte. Für mich ist das Thema Namensrecht ein sehr wichtiger Identifikationsfaktor. In meiner tiefen Überzeugung als Ultra stehe ich dem Verkauf des Stadionnamens kritisch gegenüber, trotzdem ist diese Maßnahme legitim und die dadurch generierten Gelder Bestandteil des Etats. Mir bleibt trotzdem das Recht zu sagen: Ich gehe ins Volksparkstadion.

Halten Sie Spielerverkäufe sowohl aus sportlicher als auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht für ein nachhaltiges Konzept, um den HSV wieder in die Spitze der Bundesliga zu führen?

Liebnau: Dass Transfererlöse ein wichtiger Bestandteil von Einnahmestrukturen sind, ist eine lange bekannte Tatsache. Natürlich stößt so etwas selten auf Begeisterung bei den Anhängern. Auch mich schmerzen Abgänge. Es wird allerdings im Profifußball immer so sein, dass sich Spieler weiterentwickeln und von größeren Vereinen abgeworben werden. Mir fallen europaweit nur eine Handvoll Vereine ein, die Spieler bei guten Angeboten nicht ziehen lassen müssen. Selbst Dortmund musste sich zum Beispiel von Götze und Kagawa trennen. Diesen Mechanismus kann auch der HSV nicht durchbrechen.

Befürworter der Ausgliederung werfen Ihrer Initiative vor, dass es nur um die Verhinderung von HSVPlus ginge. Wie bewerten Sie das?

Liebnau: Wie bereits erwähnt, ist dem nicht so. Es geht um die Verbesserung des Vereins. Dabei schießen die von HSVPlus formulierten Vorschläge zur Ausgliederung und dem Verkauf von Anteilen unserer Meinung nach weit über das Ziel hinaus. Ich erhoffe mir für die kommenden Wochen, dass sich die Mitglieder mit allen Inhalten und Vorschlägen auseinandersetzen und gründlich abwägen, ob man die Rechtsform für Verbesserungen ändern muss. Ich bin überzeugt, dass das nicht notwendig ist, da sehr wichtige Verbesserungen in der Struktur und beim Personal auch in unserer Rechtsform umsetzbar sind.

Welchen Ausgang der Abstimmungen erwarten Sie auf der Mitgliederversammlung am 19. Januar 2014?

Liebnau: Hoffentlich beschäftigen sich möglichst viele Mitglieder mit dieser Thematik und wagen auch den Blick über den Tellerrand hinaus, obwohl sie sich bereits in die eine oder andere Richtung festgelegt haben. Die Entscheidung muss fundiert sein und nicht nur aus der Emotion heraus getroffen werden.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!

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