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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

 Liebe Leser,

er ist in der Hüfte kein Brasilianer. Er wird es auch nie. Sein Laufstil sieht sonderbar aus, die Körperhaltung versteift und ungelenk. Manchmal hängen sogar die Stutzen ziemlich tief. Bei Heiko Westermann sieht es selten nach dem aus, was die breite Masse mit Fußballspielern verbindet. Und zu allem Überfluss kommt nicht jeder Pass beim Mitspieler an, nicht jeder Zweikampf wird gewonnen, nicht jede Ballannahme klappt. Doch warum hat Westermann überhaupt einen so schweren Stand bei Zuschauern und Fans?

Auf der Suche nach möglichen Erklärungen stößt man auf zwei wesentliche Aspekte. Der eine ist, dass sich diejenigen, die ihn auspfeifen und kritisieren, zu wenig mit dem Sport auseinandersetzen. Wer kapieren will, wie dieses Spiel funktioniert, muss sich die Situationen anschauen, die vor einer "entscheidenden" Szene stattfinden. Die Frage lautete daher: Was war vorher, und nicht, was kommt danach? Wer zum Beispiel als Verteidiger den letzten Zweikampf vor dem Tor verliert, sieht schlecht aus. Doch der letzte Zweikampf ist immer der schwerste.

Er ist es deshalb, weil man ans Ende einer Fehlerkette angelangt. Und die beginnt viel früher. Insofern macht es wenig Sinn, sich in seiner Beurteilung einzig auf die vermeintlich "entscheidende" Situation zu fokussieren. Entscheidend ist im Mannschaftssport nämlich, wie das Kollektiv seine Aufgaben löst. Kommt es zu Fehlpässen, verlorenen Zweikämpfen oder gar Stockfehlern bei der Ballannahme, ist es mitunter eine Folge von Drucksituationen, in die die Mannschaft ihren Kollegen kommen lassen hat. Für die Analyse spielen Einzelereignisse daher eine untergeordnete Rolle.

Dies gilt auch für Heiko Westermann, der sich oftmals in Situationen schmeißt, die noch schwieriger zu lösen sind als der letzte Zweikampf, um die Fehlerkette zu unterbinden. Das Risiko sorgt nicht selten dafür, dass er schlecht aussieht. Eines der zentralen Baustellen des HSV ist das Einrücken und das ballorientierte Verschieben. Das zu verbessern, ist Sache des Trainers. Macht einer nicht richtig mit und schaltet zu langsam, wird es für denjenigen schwierig, der diese Situation ausbügeln muss. Oftmals heißt derjenige Westermann.

Was für die Defensive gilt, gilt auch für die Offensive. Beim Spielaufbau ist es zunächst wichtig zu verstehen, wie der Trainer diesen überhaupt interpretiert. Viele sagen Westermann nach, dass er besonders im Spielaufbau limitiert sei. Das sehe ich genau umgekehrt. Er ist lange Zeit der einzige Innenverteidiger gewesen, der sich getraut hat, den vertikalen, also öffnenden Pass zu spielen. Den kann er sowohl mit dem rechten, als auch mit dem linken Fuß. Das können nicht alle. Einige können es weder mit dem einen, noch mit dem anderen. Diese Vielseitigkeit ist einer der Gründe, warum der Bundestrainer ihn schätzt und zur deutschen Nationalmannschaft, eines der besten Teams der Welt, einlädt. Er ist ein lernwilliger und ehrgeiziger Spielertyp, der keinen Stunk macht und sich für keine Rolle im Team zu schade ist.

Würde die These, dass Westermann kein guter Verteidiger sei, stimmen, ist es verwunderlich, dass er bei all seinen Trainern in Hamburg unumstritten war. Kann es denn sein, dass sich alle Fußballexperten irren, nur die pöbelnden Zuschauer nicht, die offenbar einzig das sehen wollen, was Westermann nicht kann, und nie das, was er kann? Sieht man nur die letzte Szene, nur den letzten Pass, ist es einfach, einen Sündenbock auszumachen, womit wir beim zweiten Erklärungsansatz angekommen sind: Die ewige Suche nach einem Schuldigen. Dieser Gedanke scheint in den Köpfen so fest zementiert zu sein, wie die Tatsache, dass der HSV immer erstklassig gespielt hat.

Um einen Missstand möglichst unkompliziert zu erklären, sucht man sich eben einen, der dafür den Kopf hinhalten muss. Man regt sicht über Symptome auf, selten über Ursachen und die meist komplexen Vorgänge dahinter. So ist es auch Westermann widerfahren, der als Neuzugang zum Kapitän gemacht und folglich viel häufiger im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand. Die Saison 2010/2011 kann durchaus als erster Schritt zum sportlichen Tiefgang betrachtet werden, für den Westermann offenbar sinnbildlich steht. Es ist anders nicht zu erklären, warum er vom eigenem Publikum bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde. Das Vorstandsduo bestehend aus Bernd Hoffmann und Katja Kraus war längst entlassen. Irgendwer musste ja die "Schuld" an der sportlichen Krise tragen.

Die Frage nach der Schuld ist zudem eng mit dem Anspruchsdenken verknüpft. "Der HSV, mit dieser Stadt und diesen Fans im Rücken, muss um die europäischen Plätze spielen", redet man sich immer wieder ein. Den Anspruch auf eine konkurrenzfähige Mannschaft aus der Historie und der Stadt, in der der HSV beheimatet, abzuleiten, halte ich für fatal. Der Blick muss für das hier und jetzt geschärft werden, das offenbart, was der HSV am Ende dieser Saison erreichen kann: eine Platzierung zwischen Rang acht und zwölf. Historie und Tradition allein werden ihn nicht wieder dahin führen, wo viele ihn gern sehen würden, sondern ein ruhiges Umfeld, stabiles Management, ein Trainer mit Spielideen und Spielern, die diese auch umsetzen können. Und genau das versucht Westermann Woche für Woche. Für "seinen" HSV.

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