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Jovanovs HSV: Wie der Maulwurf Politik macht – So lief Arnesens Entlassung

Die wöchentliche HSV-Kolumne von Daniel Jovanov – jeden Dienstag exklusiv auf Goal.com.

Liebe Leser,

ich habe versprochen nicht mehr über die Entlassung von Frank Arnesen zu schreiben. Dieses werde ich heute brechen müssen, auch wenn der eine oder andere meint, dass das Thema Schnee von gestern ist. Das ist es auch. In meinem heutigen Beitrag geht es nicht primär um die Person Frank Arnesen, sondern darum, wie und mit welchen Methoden beim HSV Politik gemacht wird. Das möchte ich einfach an dieser Geschichte exemplarisch verdeutlichen. Da die Frage nach der Glaubwürdigkeit meiner Quellen und Informanten mit Sicherheit gestellt wird - ich nenne sie mal, vorsichtig ausgedrückt, ein vereinsinteressierter Kreis mehrerer Personen.

Die Ereignisse der Reihe nach: Bereits im Frühjahr wird der Personalausschuss des Aufsichtsrates beauftragt Sondierungsgespräche mit möglichen Kandidaten zu führen. Dies sei Usus in diesem Geschäft, wie man mir erzählt. Dabei hat man sich auch mit Frank Arnesen über das Thema Vertragsverlängerung ausgetauscht. "Warum sollen wir denn jetzt schon über meinen Vertrag reden? Lasst uns damit bis zum Ende des Jahres warten. Vielleicht wollt ihr bis dahin überhaupt nicht mehr verlängern, vielleicht will ich überhaupt nicht verlängern", sagt Arnesen. Der Aufsichtsrat nickt zustimmend und einigt sich auf Vertragsgespräche im Spätherbst 2013. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass dieses Thema schneller wieder auf den Tisch kommt, als vereinbart.

Während viele nach dem Saisonfinale gegen Leverkusen von einem ruhigen Sommer beim HSV ausgehen, kommt am Dienstag (21. Mai) nach Pfingstmontag die Überraschung: Arnesen stehe vor der Entlassung, heißt es in den Presseartikeln. Von dieser Überraschung bleiben die Medien selbst allerdings auch nicht unbetroffen. Denn ihre Berichte veröffentlichten sie in dem Glauben, eine exklusive Information erhalten zu haben. Die Strippenzieher im Hintergrund sind also absolute Profis. Einige Mitglieder des Aufsichtsrats wissen noch nicht, was sie an diesem Tag in den Zeitungen zu lesen bekommen und später zu entscheiden haben. Und noch bevor die turnusmäßige Sitzung um 17 Uhr beginnt, vermelden viele Medien die Entlassung des Sportchefs als perfekt.

Zunächst wird jedoch darüber abgestimmt, ob Arnesens Vertrag zu diesem Zeitpunkt nicht verlängert werden soll. Drei stimmen dagegen. Nachdem sich die Kontrolleure nun darüber eing sind, seinen Vertrag nicht zu verlängern, wird die Frage gestellt, ob man überhaupt mit ihm weiterarbeiten soll. Das Misstrauen untereinander ist so groß, dass niemand sicher sein kann, ob die Abstimmungsergebnisse nicht sofort durchsickern. Fatale Bedingungen für den Sportchef, wenn noch am selben Tag geschrieben steht: "Aufsichtsrat lehnt Vertragsverlängerung mit Arnesen ab".

So entschließt man sich darüber abzustimmen, ob es unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch sinnvoll ist, mit Arnesen weiterzuarbeiten. Nur zwei stimmen dafür, die Entlassung ist beschlossen. Das Wichtigste an dieser Stelle: Ohne die Berichterstattung wäre es überhaupt nicht zu einer Abstimmung gekommen. Das Thema Vertragsverlängerung stand erst gegen Ende des Jahres zur Debatte. Arnesen ist nicht nur, aber maßgeblich wegen gezielter Indiskretionen aus seinem Amt befördert worden. Spätestens nach der vermeldeten Trennung am Folgetag beginnt dann die große Show der Eitelkeiten, schließlich geht es um die Neubesetzung des Postens. Und da hat jeder seine Wünsche und Vorstellungen. Es wird öffentlich beklagt, dass der Personalausschuss ohne die Kenntnis der übrigen Mitglieder Gespräche mit Kandidaten führt. Auf der anderen Seite trifft sich ein Aufsichtsratsmitglied, ebenfalls ohne Kenntnis der anderen, mit Felix Magath.

Der Hintergrund für die Indiskretionen ist folgender: Aufsichtsratchef Manfred Ertel soll gestürzt werden. Präsentiert dieser nämlich auf der Mitgliederversammlung am 2. Juni keinen Nachfolger, kann er seinen Hut nehmen. So wird jedenfalls kalkuliert. Und da man seinen Intimfeinden selten was Gutes wünscht, wird mit aller Macht versucht, jegliche Nachfolger für den Posten als Sportchef zu blockieren. Rettig sagt von sich aus ab, da sein Name in der Presse auftaucht. Kreuzer und Schmadtke werden zum "Casting" geladen, wie der Boulevard titelt. Letzterer entschließt sich aufgrund des Eindruckes vor Ort, dem HSV abzusagen. Übrig bleibt Kreuzer, der aus einem gültigen Vertrag herausgekauft werden muss. Ein zusätzlicher Tiefschlag, zumal eine Vertragsauflösung mit Arnesen noch nicht vom Tisch ist. Auch die kostet Geld. Finanziell hätte die Geschichte für ihn nicht besser enden können, da er seinen Vertrag voraussichtlich aussitzen und sich die Kampagnen gegeneinander im Verein genüsslich vom Sofa aus anschauen wird. Dadurch verbrennt der HSV bis 2014 fast 2,5 Millionen Euro an Gehaltszahlungen für seine beiden Sportdirektoren.

Als ob das angesichts der Finanzprobleme nicht schon genug wäre, werden falsche Zahlen über die Ablösesumme für Kreuzer in Umlauf gebracht. Von über 600.000 Euro ist die Rede, plus einem Freundschaftsspiel. In Wirklichkeit ist es gerade mal die Hälfte. Zu allem Überfluss spielt KSC-Präsident Wellenreuther seinen Joker in den Verhandlungen über die Medien aus, verweist auf die Einhaltung gültiger Verträge und gibt den Aufsichtsrat mit seinen Äußerungen der Lächerlichkeit preis. Doch der erwünschte Effekt der Strippenzieher bleibt auf der Mitgliederversammlung aus. Zwar gibt es einige "Rücktritt, sofort!"-Rufe, beirren lässt sich Ertel davon jedoch nicht. Er spricht von einem "gewissen Druck aus vereinsinteressierten Kreisen", der letztlich zur Entlassung Arnesens geführt hat. Zum Glück habe dieser aber die anstehenden Transfers so weit vorangetrieben, dass Kreuzer nur noch "finalisieren" muss, erklärt Carl-Edgar Jarchow auf der Versammlung. In der Tat kann sich Kreuzer nur Jacques Zoua als "seinen" Transfer anrechnen lassen. Alle anderen hat Arnesen entweder bereits abgewickelt oder die Verhandlungen in die entscheidende Phase geführt.

Um den Bogen nun zu der Vorstandsbrief-Affäre der vergangenen Woche zu schlagen, muss ich auf den nächsten Teil der Strategie hinweisen, die unschwer zu durchschauen ist. Wenn selbst ein solches Schreiben nicht der Öffentlichkeit verborgen bleibt, was sonst? Richtig, nichts. Und das erschwert die Arbeit des Vorstandes. Warum sollte man so etwas nur wollen, wenn man nicht selbst mit dem Gedanken spielt, den Posten, beispielsweise als Vorstandsvorsitzenden, zu übernehmen? Wer den Sportchef abschießen kann, schießt auch die anderen Vorstandskollegen ab. Ein Ansatz, über den nachgedacht werden muss. Mit welchen Methoden man seine Gegner schwächen kann, haben wir am Beispiel Arnesen eindrucksvoll gesehen. Fakt ist, dass sich die Suche nach dem Maulwurf nicht nur auf eine Person beschränken lässt. Zustände, die chaotischer und unübersichtlicher nicht sein könnten.

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