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Das Buch „Taktik im Fussball“ beschäftigt sich damit, wie sich die Organisation auf dem Platz in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Berlin. Nach dem Champions-League-Halbfinale 2009/2010 kommentierte der damalige Trainer Inter Mailands Jose Mourinho das Spiel seines Teams: „Wir wollten den Ball nicht haben, denn wenn Barca presst und den Ball zurück gewinnt, verlieren wir unsere Grundordnung. Das wollte ich nicht, deswegen haben wir ihn weggegeben.“ Mourinho gilt nicht umsonst als einer der größten – und erfolgreichsten - Taktiker unter den Trainern der Gegenwart, sein Kommentar belegte das einmal mehr.

Taktik im Fussball, das ist Planung, Tüfteln und Vorbereitung  – und eine Tendenz, die in den letzten Jahren eine einsetzende und verstärkte Verwissenschaftlichung des Sports gefördert hat. Das Buch „Taktik im Fussball – Spielsysteme aktuell und der letzten Jahre“ beschäftigt sich damit, wie sich die Organisation auf dem Platz in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat und wie das Gesicht des modernen Ballspiels aussieht, wobei sich zahlreiche Graphiken als äußerst hilfreich erweisen.
 
Perfekt exerzierte Defensive und technisch-temporeiches Offensivspiel


Aber wo beginnt der „moderne“ Fussball? Der historisch Abriss, der anfangs geboten wird, lohnt – und er führt dahin, wo auch heute noch Maßstäbe gesetzt werden: Über Rinus Michels' Zeit bei Ajax und Barca bis zum Barcelona-Dream-Team unter seinem Schüler Johan Cruyff und bis in die Gegenwart, in welcher das katalanische Kurzpassspiel nach wie vor das Non plus Ultra ist. Aber auch Arrigo Sachis Milan und Walerij Lobanowskis Dinamo Kiev spielten eine Rolle und werden bedacht.  


Rinus Michels - Der Vater des modernen Fussballs prägte den Stil von Ajax und Barca

Raumdeckung, Pressing, Abseitsfalle: Geboten wird im Anschluss ein Überblick auf die prägendsten taktischen Neuerungen seit den 70er Jahren. Lohnenswert ist dabei der Vergleich mit früheren Spielsystemen – so ist aus heutiger Sicht kaum noch denkbar, dass eine Mannschaften wie Brasilien 1962 im 4-2-4 spielt und mit einem solchen Sturmlauf Weltmeister wird. Fussballerische Moderne, das ist neben einem Plus an athletischer Dynamik und Technik auch eine mitunter bis auf die Spitze getriebene Defensive, ein Blick auf Auswüchse zeitgenössischen Catenaccios wie bei Chelseas CL-Halbfinals gegen Barca 2011/12 zeigt das.

Anhand der abschließenden Auflistung der Spielsysteme aller Weltmeisterschaftsfinalisten lässt sich der Trend der letzten Jahre ablesen, der von Deutschlands 3-5-2 1990 über das lange vorherrschende 4-4-2 (90er Jahre) bis zum spanischen 4-2-3-1 von 2010 und 2012 geht. Ob es sich beim 4-3-3 um das Modell der Zukunft handelt, in welchem sich der Trend zum schnellen Umschalten und Tempo am besten manifestiert? Die Frage könnte schon nächste Saison heiß diskutiert werden, sollte Pep Guardiola bei den Bayern auf das katalanische Modell setzen.

Eine einführende Zusammenstellung, die sich in ihrer (teilweise allerdings zu drastischen) Knappheit vor allem für Einsteiger in das Thema eignet. Bedauerlicherweise erschweren die stilistischen Schwächen des Öfteren den Lesefluss – nicht das schlechteste Werk zum Nachschlagen, aber sprachlich alles andere als Champions League. Angesichts dessen erscheint auch der Preis etwas happig.

Erwin Kraussner
„Taktik im Fussball – Spielsysteme aktuell und der letzten Jahre“
Traunstein 2012, 20 Euro



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