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„Kicktipp“-Erfinder Janning Vygen im Interview

„Kicktipp“-Erfinder Janning Vygen im Interview

Dennis Weinacht

Wie tickt ein Mensch, der praktisch den gesamten Tag indirekt mit Fußball zutun hat? Und empfindet man den Sport dann noch als Hobby?


Düsselsdorf. Janning Vygen betreibt seit den 90ern das Online-Portal Kicktipp. Im Interview mit Goal.com spricht er über Ziele, Träume und Fußball. Kann man diesen Sport noch lieben, wenn man damit seinen Lebensunterhalt verdient? Viele Fragen, noch mehr Antworten...

Janning, ist bei dir trotz deines Jobs noch eine Fußballbegeisterung vorhanden?

Janning Vygen: Ich bin schon Fußball-Fan, habe auch eine Dauerkarte bei der Fortuna Düsseldorf. Aber ich bin sicherlich kein Hardcore-Fan.

Wie viel Zeit investierst du derzeit in die Arbeit bei Kicktipp?

Vygen: Man kann sich seine Zeit frei einteilen, das ist gut. Aber ich bin schon viel im Büro und habe auch schon sehr viel gearbeitet in meinem Leben. Wir sind eine kleine Firma und wir beiden (Vygen und sein Mitarbeiter Peter Buning, Anm. d. Red.) müssen das leisten, was woanders auf viele Mitarbeiter verteilt wird.

Wie sehen denn eure Pläne für die Zukunft konkret aus?

Vygen: Gute Frage, wir haben aber gar keine Masterpläne. Wo sind wir in fünf Jahren? Sowas fragen wir uns nicht. Es macht uns einfach Spaß und wir wissen jeden Tag, was wir zu tun haben. Wir haben natürlich ein paar Pläne, aber wir sind da nicht so getrieben davon.

Du wirst wahrscheinlich privat relativ häufig gefragt, was du fürs Wochenende tippst...

Vygen: Nein, bin ich noch nie gefragt worden. Meine Freunde wissen auch, dass ich nicht so ein wahnsinnig guter Fußballexperte bin. Ich tippe auch immer aus dem Bauch raus. Diese Saison bin ich zum Beispiel sehr gut und führe meine Community mit 60 Punkten Vorsprung an. Letzte Saison war ich Vorletzter.

Wem drückst du normalerweise die Daumen am Wochenende?

Vygen: Im Prinzip nur Düsseldorf. Aber ich bin gebürtig aus Duisburg und freue mich auch über Erfolge der Ruhrgebiets-Mannschaften.

Also hast du dich auch über die Meisterschaft der Dortmunder gefreut?

Vygen: Ja, aber nicht nur, weil das ein Ruhrgebietsklub ist. Das ist einfach ein geiler Verein.

Und was machst du, wenn du nicht im Büro oder im Stadion bist?

Vygen: Ich habe drei Kinder und eine Frau, das nimmt einem natürlich schon auch in Anspruch. Ansonsten habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Das füllt mich derart aus und so wahnsinnig viel Zeit für andere Sachen bleibt da gar nicht.

Wie bist du eigentlich zu diesem Beruf gekommen? Immerhin hast du Jura studiert...


Vygen: Das weiß ich gar nicht so genau. Ich habe mich immer schon dafür interessiert und schon mit 14 oder 15 Jahren programmiert zusammen mit meinem Bruder, der jetzt Mathematik-Professor ist. Daher kam die Leidenschaft. Ich bin aber auch ganz froh, dass ich nicht Informatik studiert habe. Sonst wäre ich wohl noch „nerdiger“, als ich es so schon bin. Aber ich war früh dabei, auch wenn sich das Internet natürlich seitdem auch stark verändert hat.

Du sagst es! Wie kommt man da überhaupt noch mit?

Vygen: Ich lese sehr viele Bücher darüber und verstehe sie auch. Ich habe deshalb sehr viel gelernt. Die Ansprüche sind heute ganz anders, als in der Anfangszeit. Aber ich konnte mit diesen Ansprüchen mitwachsen. Manchmal war ich schneller als die Ansprüche, manchmal etwas langsamer.

Gab es die Überlegung, auch irgendwann etwas anderes zu machen? Fernab von Kicktipp vielleicht?

Vygen: Klar, Ideen hat man viele. Aber ich merke bei Kicktipp, dass die Idee nicht viel wert ist. Wichtiger ist, wie man es letztlich umsetzt. Allgemein bewerten die Leute die Idee immer völlig über. Man kann eine Bäckerei aufmachen und wenn man das gut macht, wird man damit auch reich. Von daher reicht die Kraft gar nicht, noch mehr zu machen. Aber wenn jemand eine Idee braucht, kann er sich gerne bei mir melden.

Kannst du privat eigentlich abschalten, oder checkst du dann auch dauerhaft deine E-Mails?


Vygen: Das ist schon ein Problem bei mir, wobei ich das in den Griff bekommen habe. Die ersten zehn Jahre war eine Gehirnhälfte immer bei Kicktipp beschäftigt. Auch auf Partys habe ich mich mit Freunden unterhalten und dauerhaft über Kicktipp nachgedacht. Das war schon auch ein bisschen krank. Das habe ich mir abgewöhnt. Inzwischen kann ich auch ganz gut abschalten.


„Kicktipp“ - eine Erfolgsgeschichte aus Düsseldorf


Und wie sieht das konkret aus? Wie schaltest du ab?

Vygen: Durch die Familie. Meine älteste Tochter ist jetzt acht Jahre alt. Aber das ist auch eine Frage des Alters. Da fehlt dann auch irgendwann einfach die Kraft. So wie es eben mit 40 auch keine Top-Fußballer mehr gibt, abgesehen von ein paar Torhütern. Man hat in jungen Jahren viel mehr Kraft.

Als Jura-Student bist du auf ein unsicheres Feld gegangen. Mit Kicktipp hast du eher auf Risiko gespielt. Gab es auch Gegenwind? Zum Beispiel aus der Familie?

Vygen: Nein, meine Eltern haben mich sehr gut unterstützt. Ohne das wäre es auch überhaupt nicht gegangen. Auch nach dem Studium hat mir mein Vater weiter Geld gegeben, damit ich das alles so umsetzen konnte. Und nebenher hatte ich eine Promotionsstelle. Das fand ich wirklich toll. Zumal mein Vater nie verstanden hat, was ich eigentlich mache.

Steht denn trotz des Kommerzes bei Euch auch heute noch der Spaß im Vordergrund?

Vygen: Ich will niemanden neidisch machen, aber das ist ein absoluter Traumjob. Es gibt keinen Chef, der mir sagt, was ich tun soll. Die Kunden können sich sogar selbst bedienen.

Und was würdest du heute machen, wenn das damals nicht so funktioniert hätte?


Vygen: Dann wäre ich wahrscheinlich Jurist geworden. Das hat mir durchaus auch immer Spaß gemacht. Im Nachhinein glaube ich aber, ich wäre da nicht glücklich geworden. Aber das weiß ich natürlich nicht.

Und welche Ziele hast außerhalb des Büros im Leben? Eine Weltreise vielleicht?

Vygen: Nein, da bin ich eher langweilig. Solche Träume habe ich gar nicht. Ich kenne viele, die sowas haben. Aber ich bin hier sehr zufrieden.

Also lebst du auch eher in den Tag hinein, oder planst du eher alles sehr genau?


Vygen: Für die nächsten Tage und Wochen habe ich natürlich schon Pläne. Wir arbeiten da sehr strukturiert. Am Anfang war immer die Angst da, dass sich das nicht halten könnte. Da war die Panik, dass die Leute nicht mehr tippen wollen. Das ist heute nicht mehr so. Ich habe schon Ziele, aber es ist egal, ob das in einem halben Jahr, einem Jahr oder drei Jahren erreicht wird.

Ist denn dein Job insgesamt eher kreativ oder arbeitest du immer nach einem gewissen Muster?

Vygen: Kreativ; das Wort mag ich nicht so. Das impliziert, dass man sich abheben will. Man muss doch in jedem Beruf kreativ sein. Auch ein Jurist muss sich kreative Lösungen überlegen. Wenn es immer das „Schema F“ wäre, könnte es jeder. Aber mein Job ist Gott sei Dank auch nicht von Zwängen bestimmt.

Lass uns noch kurz über die EM reden: Wer ist da dein Favorit?

Vygen: Deutschland ist schon ganz stark. Wobei ich diese Euphorie nicht verstehen kann. Es wirkt ja oft so, als hätte Deutschland quasi schon den Anspruch auf den Titel. Das finde ich völlig irre. Eine EM ist von so vielen Unwägbarkeiten durchzogen, weil es ein Turnier ist. Da kriegst du in der dritten Minute im Viertelfinale ein dummes Tor, der Gegner stellt sich hinten rein und dann bist du raus.

Aber du traust ihnen den Titel generell schon zu?

Vygen: Ja klar, sie spielen schon toll. Aber andere Mannschaften eben auch.

Habt ihr vor der EM auch Sonder-Stress?

Vygen: Ja, absolut. Wir haben unheimlich viele Profipakete und das hat dann auch mit Service zutun. Viele sind zum ersten Mal dabei und haben Fragen. Die beantworten wir dann auch gerne. Parallel müssen wir eben auch das Netzwerk erweitern, damit auch bei der EM alles läuft. Wenn dann Anpfiff ist, ist hoffentlich wieder Ruhe.

Du wirst also die EM auch aus dem Büro beobachten?

Vygen: Ja, da ist immer Urlaubssperre. Da müssen wir vor Ort sein. Wenn etwas passiert, müssen wir da sein. Es gibt immer Mal Situationen, wo technisch etwas falsch laufen kann.

Abschließend: Wenn du auf Kicktipp schaust, was ist das dann? Zufriedenheit? Stolz?

Vygen: Das wurde ich noch nie gefragt. Ja, Stolz kann man schon sagen. Ich bin stolz, dass das so läuft. Das war schwierig und auch sehr viel Arbeit. Aber was es fast noch mehr ist: Dankbarkeit. Das habe ich fast jeden Tag. Da gehe ich ins Büro und weiß, dass es auch anders hätte kommen können. Das ist Dankbarkeit dafür, dass ich den schönsten Beruf der Welt haben darf.

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