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Die Berliner verstärken sich für die kommende Saison mit einem weiteren Japaner. Wir stellen Euch den Offensivmann vor.

Berlin. Bei Hertha BSC sind die Planungen für die kommende Saison fast schon abgeschlossen. Vier Neuzugänge stehen bereits jetzt fest. Auf Jens Hegeler (Bayer Leverkusen), Valentin Stocker (FC Basel) und Marvin Plattenhardt (1. FC Nürnberg) folgte die große Unbekannte: Genki Haraguchi von den Urawa Red Diamonds. Die Hauptstadt bekommt damit eine japanische Wundertüte. Goal hat sie für Euch ein Stück weit geöffnet, um den Spieler an dieser Stelle zu porträtieren.

Haraguchi wurde am 9. Mai 1991 in Kumagaya geboren. Im Jahr 2004 wechselte er in die Jugendabteilung der Urawa Reds, wo er bereits im zarten Alter von 17 Jahren für die Profis debütierte. Der 1,77-Meter große Offensivmann ist seither fester Bestandteil des beliebtesten japanischen Vereins. In der laufenden Saison - in Japan wird im Jahres-Rhythmus gespielt - schoss er sein Team in den ersten 14 Spielen an die Tabellenspitze.

In Japan also, wo er am 1. Juni letztmals für seinen Heimatklub spielen wird, ist der Rechtsfuß, der am liebsten als hängende Spitze agiert, längst etabliert. Lediglich der Sprung in die Nationalmannschaft, deren Jugend-Teams er von der U16 bis zur U23 allesamt durchlief, ist ihm bislang noch nicht so recht gelungen. Der 23-Jährige kam unter Nationaltrainer Alberto Zaccheroni erst dreimal zum Einsatz und fand auch für die anstehende Weltmeisterschaft keine Berücksichtigung.

Vergleich mit Reus

Der Wechsel nach Europa kommt nach Einschätzung unseres Japan-Experten und dortigen Chefredakteurs Cesare Polenghi trotzdem zur richtigen Zeit: "Er muss seine Fähigkeiten auf ein neues Level heben und sich als Persönlichkeit weiterentwickeln. Er wurde in Urawa geboren und wird hier immer wie ein kleiner Prinz behandelt werden. Es ist Zeit für ihn, sich einer neuen Herausforderung zu stellen."

Beim Meistern dieser neuen Herausforderung werden ihm seine größten Stärken, das Dribbling - auch im hohen Tempo - und sein Abschluss, gewiss eine Hilfe sein. Diesen Fähigkeiten hat es der 23-Jährige zu verdanken, in dieser Spielzeit zweifelsohne stärkster Spieler der Reds zu sein. Es brachte ihm jüngst auch ein Lob von Japan-Kenner Guido Buchwald ein, der den Youngster mit Nationalspieler Marco Reus verglich.

Kein einfacher Charakter

Ebenso unbestritten wie seine herausragenden Qualitäten in der Offensive sind aber auch seine Defizite im taktischen Bereich. Wissend, technisch zu den stärksten Akteuren der Liga zu gehören, agierte Haraguchi bisweilen zudem hin und wieder zu ballverliebt. Unter seinem neuen Trainer Luhukay wird er obendrein auch lernen müssen, sich mehr für die Mannschaft aufzuopfern - und das nicht nur, weil der Niederländer höchsten Wert auf defensive Kompaktheit legt.

Will er sich in Deutschland gut integrieren, sind aber auch - wie von Cesare Polenghi erläutert - Fortschritte im charakterlichen Bereich vonnöten. Anders als die meisten Japaner, die für ein freundliches Gemüt und Offenherzigkeit stehen, gilt Haraguchi nämlich als verschlossen, jedoch nicht im Sinne von schüchtern. Journalisten gegenüber äußert er sich meist kurz und knapp, Fans verweigert er auch mal, trotz seines Status als Idol, Autogramme. Im Training geriet er sogar schon einmal mit einem Mitspieler derart heftig aneinander, dass er für eine Woche suspendiert wurde - in Japan eine echte Rarität.

Preetz dämpft Erwartungen

Der Offensivmann darf also durchaus als Gegenentwurf zu Hajime Hosogai betrachtet werden. Der Defensiv-Allrounder gibt bis dato zwar fast ausschließlich Interviews in seiner Muttersprache, hat sich mit seiner positiven Art sonst aber gut integriert in der Hauptstadt. Haraguchi, der bereits von 2008 bis 2010 mit Hosogai zusammenspielte, soll nun davon profitieren und sich so leichter einleben können.

Menschlich hat der Neuzugang also jemanden, der ihm hilft. Sportlich muss er sich jedoch selbst darum kümmern, den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Manager Michael Preetz nahm dabei zuletzt bereits etwas Druck vom 23-Jährigen: "Wir erwarten nicht, dass er schon im August zur Startelf zählt, aber er bringt etwas ein, was wir so nicht haben: sehr viel Dynamik, viel Zug zum Tor."

Wo wird er spielen?

Erschwert wird die Situation für Haraguchi auch dadurch, dass er sich an ein neues System gewöhnen muss. Während bei den Urawa Reds voranging im 3-4-2-1 agiert wird, favorisiert Luhukay ein 4-2-3-1. In Japan agierte er bislang als einer von zwei hängenden Spitzen mit viel Freiheit, die er dank seiner guten Ausdauer im Übrigen auch meist über 90 Minuten zu nutzen wusste. Da Luhukay bisher nie auf eine falsche Neun setzte und Haraguchi diese Position auch nicht liegt, dürfte dies keine Option sein.

Deutlich wahrscheinlicher erscheint es, dass der Japaner auf den Flügeln zum Einsatz kommt. Auf der linken Seite, über die er ohnehin gerne agiert, dürfte dies nach der Verpflichtung von Stocker zunächst aber schwer werden, ist der Schweizer doch Herthas Königstransfer. Bliebe also noch der rechte Flügel, den Haraguchi bis dato aber noch nie bekleidete. Dies hat jedoch nichts zu sagen, setzte Luhukay doch etwa schon Rechtsverteidiger Peter Pekarik auf links, Linksverteidiger Johannes van den Bergh im linken Mittelfeld und Levan Kobiashvili im Abwehrzentrum ein.

Hängende Spitze auch eine Option

Da Herthas Trainer seine taktische Ausrichtung aber gerne mal variiert und so zum Beispiel auch schon auf ein 4-4-2 zurückgriff, könnte der Neuzugang in Berlin auch wieder als hängende Spitze zum Einsatz kommen. An seiner Seite würde dann ein klassischer Mittelstürmer agieren. Wie Preetz schon wiederholt betonte, soll es sich dabei um Pierre-Michel Lasogga handeln, dessen Bekenntnis zu Hertha aber noch aussteht.

Welche Nummer der Japaner in Berlin erhält, ist unterdessen noch nicht klar. Die Neun, die er als möglicher Nachfolger der Klub-Legende Masahiro Fukuda bei den Urawa Reds erhalten hatte, wird er bei Hertha in absehbarer Zeit wohl nicht bekommen. Sie ist nämlich schon an Alexander Baumjohann vergeben. Fest steht hingegen, dass Haraguchi die Berliner verstärken und auch zu einem Leistungsträger aufsteigen kann. Andere Japaner wie etwa Shinji Kagawa haben gezeigt, wie positiv eine Wundertüte überraschen kann. Bei Haraguchi kann man es zumindest erahnen.

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