Spanien: Mit "nicht perfektem" Kader zum Titelhattrick

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Vicente del Bosque lässt sich nicht beirren: Mit seiner Kaderauswahl sorgte er für Diskussionen, doch es sieht danach aus, als habe er die richtigen Entscheidungen getroffen.

Die Definition von "Luxusproblem" könnte im Moment auch die Situation im Sturm der spanischen Nationalmannschaft sein. Oder welche andere Nation könnte es sich leisten, bei einem großen Turnier in der Abteilung Attacke auf drei Top-Stars wie Diego Costa (Chelsea), Fernando Torres (Atletico Madrid) und Paco Alcacer (FC Valencia) zu verzichten? Vicente del Bosque kann es offenbar und mit dieser Entscheidung hat er in Spanien für große Diskussionen gesorgt.

Unumstritten war das Trio nicht, keine Frage. Aber dass es am Ende keiner der drei Torjäger in den vorläufigen Kader der Seleccion schaffte, kam doch überraschend. Costa erlebte eine schwierige Saison bei Chelsea. Er hat Probleme mit der Disziplin und der Gesundheit. Das Aus für die Euro nun ist aber die Krönung für die bisher arg missratenen Nationalmannschaftskarriere des gebürtigen Brasilianers.

Fernando Torres spielte eine bärenstarke Rückrunde und erzielte für Atletico mehrere wichtige Tore. Er war so gut, wie seit Jahren nicht mehr, hatte allerdings schon vor Wochen vor der Nominierung resigniert. "Seit zwei Jahren habe ich nichts mehr von der Nationalelf gehört. Ich habe 100 Länderspiele gemacht, aber niemand hat mich angerufen. Daher erwarte ich nun auch keinen Anruf."

"Der Kader ist nicht perfekt"

Am überraschendsten war jedoch die Nichtberücksichtigung Alcacers, der in der EM-Qualifikation noch eine wichtige Rolle gespielt hatte und mit fünf Treffern der beste Torjäger des Titelverteidigers war. Praktisch "nebenbei" strich der Coach, der auch Manchester Uniteds Juan Mata nicht berücksichtigt hatte, anschließend noch Saul Niguez und Isco aus seinem vorläufigen Kader. Zwei weitere namhafte Offensivkünstler, für die del Bosque keinen Platz hatte. Mit dabei waren dagegen Youngster Lucas Vazquez von Real Madrid und Bilbaos treffsicherer Oldie Aritz Aduriz. Kein Wunder, dass in Spanien das Echo groß war.

Ruhig, aber bestimmt, in seiner typischen Art, begegnete del Bosque seinen Kritikern. Er sagte: "Der Kader ist nicht perfekt. Wir sind überzeugt, dass es Spieler gibt, die eine tolle Saison hatten und es verdient hätten, hier zu sein. Aber lassen sie mich klar sagen: Ich entscheide nicht nach Sympathie. Ich bin überzeugt davon, dass wir nun die beste Gruppe beisammen haben und nun müssen wir uns bestmöglich vorbereiten."

Er ergänzte: "In den vergangenen Jahren haben wir viele Kader zusammengestellt. Nicht immer gab es Reaktionen. Über diesen Kader ist jetzt wohl am meisten diskutiert worden. Wir wollten aber die beste Gruppe zusammenstellen, zum Wohle des Teams."

Umso wichtiger waren für del Bosque und seinen Stab natürlich gelungene Testspiele im Vorfeld des Turniers. Einmal, damit die Spieler Selbstvertrauen tanken konnten. Und zum anderen, damit Fans und Öffentlichkeit keine Debatte über Sinn und Unsinn der Nominierungen anzetteln.

Del Bosque setzt auf ein 4-3-3

Da konnte del Bosque zufrieden sein. Denn nach dem 3:1 über Bosnien-Herzegowina gab vor allem die Gala gegen Südkorea vor knapp einer Woche viel Anlass zur Hoffnung. Die Spanier nahmen ihren Gegner dabei teilweise auseinander. Sie ließen die Kugel in der Offensive glänzend laufen und spielten in den rechten Momenten zielstrebig nach vorne. Am Ende feierten sie einen Kantersieg und gewannen mit 6:1.

Del Bosque hatte auf eine 4-3-3-Formation gesetzt, wie sie vermutlich auch zum EM-Auftakt gegen Tschechien zum Einsatz kommen wird. Mittelstürmer Alvaro Morata, der nun gesetzt ist, schnürte ebenso einen Doppelpack wie Celta-Star Nolito. Er profitiert auch von der Nichtberücksichtigung der namhaften Offensivspieler und balgt sich nun mit Cesc Fabregas um einen Platz auf der offensiven Außenbahn. Dass mit David Silva auch der dritte Teil des Dreiersturms zuschlug, rundete den Auftritt ab.

Und so regiert in Spanien wieder der Optimismus. Nach den Titeln 2008 und 2012 winkt der historische Titelhattrick. Ein EM-Sieg 2016 und die Iberer hätten ihre kontinentale Dominanz zementiert.

Es scheint, als hätte del Bosque die Lehren aus dem Schock des Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft in Brasilien gezogen. Er hat einen Umbruch eingeleitet (ein Dutzend Spieler ist im Vergleich zum letzten Turnier neu dabei)  und es geschafft, den Spielstil der Seleccion weiterzuentwickeln. Spanien spielt nun schnörkelloser, hat aber immer noch die große Geduld, sich den Gegner mit technisch perfektem Passspiel zurechtzulegen. Nebenbei ist der 23-Mann-Kader nach wie vor auf jeder Position herausragend besetzt.

"Falls wir es ins Halbfinale schaffen, wäre ich schon glücklich"

Neben Gastgeber Frankreich und Weltmeister Deutschland gehören die Spanier zu den Top-Favoriten. Auch, wenn del Bosque das anders sieht und bemüht ist, großen Druck von seinen Spielern fernzuhalten.

"Falls wir es ins Halbfinale schaffen, wäre ich schon glücklich. Und das ist die Wahrheit. Auch wenn es andere wohl für ein Versagen hielten, sollten wir den Titel nicht gewinnen", stellte der 65-Jährige klar. "Ich will nicht, dass wir nervös werden und kopflos agieren. Unruhe ist ein schlechter Ratgeber."

Del Bosque verfolgt eine klare Strategie und zieht sie auch gegen Widerstände durch. Nun muss ihm nur noch der Erfolg Recht geben.

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