Schottland und Strachan: Geht die Blüte auf?

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Die Bravehearts lagen mit ihrem charismatischen Coach lange auf Euro-Kurs. Durch die jüngsten Ergebnisse scheint das Unterfangen jedoch in Gefahr.

"O Flower of Scotland, When will we see, Your like again."  Wenn DFB–Kapitän Bastian Schweinsteiger seine Mannschaft aus den Katakomben des altehrwürdigen Hampden-Parks zu Glasgow führen wird, steht das Team von Bundestrainer Joachim Löw nicht nur elf Gegenspielern gegenüber. Elf Mann plus 52.000 stolze Schotten werden vor dem Qualifikationsspiel voller Inbrunst die inoffizielle Nationalhymne "The Flower of Scotland" (Die Blüte Schottlands) schmettern. Gemeinsam haben Fans und Mannschaft ein Ziel: die EM in Frankreich.

Die Anhänger der neben England ältesten Nationalmannschaft der Welt sind berühmt für ihre bedingungslose Unterstützung. "Tartan-Army" werden die Anhänger der Bravehearts, aufgrund des rechteckigen Tartan-Musters der gern getragenen schottischen Kilts, genannt. Obwohl die friedlichste Armee der Welt auch trotz der Misserfolge der vergangenen Jahre stets gut gelaunt ist, träumt man im Norden der britischen Insel fortwährend von der ersten Teilnahme an einem großen Turnier seit der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich.

Tipico

Viele Trainer, unter anderem Berti Vogts, sind seitdem glücklos an diesem Vorhaben gescheitert. Zu Beginn des Jahrzehnts, als die DFB-Elf bei der WM in Südafrika mit einem neuen Offensiven-Spielstil weltweit Begeisterung entfachte, war man in den Highlands spielerisch noch auf Defensivarbeit und Zerstören des gegnerischen Spiels fokussiert. Die Fans forderten unverhohlen eine neue, offensivere ausgerichtete Variante des eigenen Teams.

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Dafür sollte ab Januar 2013 Gordon Strachan sorgen. Ein Ex-Spieler, der wie kaum ein anderer die Blüte des schottischen Fußballs in den 1980er-Jahren symbolisiert. Damals war man bei Weltmeisterschaften stets mit von der Partie. Vom ersten Eindruck her ein wahrer Bilderbuch-Schotte: Bodenständig, Ausgestattet mit einer feuerroten Haarpracht, nie um einen grimmigen Blick verlegen und stets eine trockene Bemerkung auf den Lippen.

"Kein Held, aber ein guter Mitspieler"

"Wenn du schon kein Held sein kannst, dann sei wenigstens ein guter Mitspieler", verriet Strachan bereits kurz nach seinem Amtsantritt einen seiner Leitsätze im Interview mit BBC Scotland. Und schon relativ zügig war seine Handschrift zu erkennen. Schnell, beweglich, ungemein wendig, am Ball sehr stark, ein intelligenter Spieler, der die Schwächen der gegnerischen Abwehr, ein unermüdlicher Kämpfertyp – alles Attribute, die Strachan als Spieler selbst verkörperte und nun von seinem Team abverlangt. Zudem stattete er die Bravehearts mit einem offensiveren System und mehr individuellen Freiheiten auf dem Rasen aus.

"Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit, spielen schottische Fußballer dasselbe Spiel wie alle anderen und setzen sich trotzdem durch. Es gibt Pässe, Bewegung, Kampf und manchmal sogar mehr als einen Stürmer", kommentierte der Observer die Verfassung der Mannschaft vor dem Hinspiel gegen die deutsche Elf vergangenen September. Damals war man mit einer Serie von sechs Spielen ohne Niederlage im Rücken zum Beginn der EM-Qualifikation in den Dortmunder Signal-Iduna-Park angereist.

Gegen den frisch gebackenen Weltmeister musste man sich nur knapp mit 1:2 geschlagen geben. Durch seine aufopferungsvolle Leistung gewann das Strachan-Team jede Menge Anerkennung bei Gegner, Fans und Journalisten. "Wir kommen der Situation sehr nahe, in dem jeder Spieler in der Lage ist, mit dem Ball umzugehen", entgegnete der Trainer den Komplimenten für seine Arbeit im Nachgang trocken.

Premier League höhlt die eigene Liga aus

Strachan hat es allerdings auch nicht leicht, denn bei den Schotten ist zweifelsfrei die Mannschaft der Star. Die bekanntesten Spieler sind Darren Fletcher, der lange für Manchester United aktiv war, und Steven Naismith vom FC Everton. Bis zum Zwangsabstieg der Glasgow Rangers 2012 setzte sich die Auswahlmannschaft traditionell aus einer Melange aus Spielern der beiden national dominierenden Teams, Celtic und den Rangers, sowie einigen Profis der Klubs aus der unteren Tabellenhälfte der englischen Premier League zusammen.

Durch das finanzielle Aufrüsten der Nachbarliga zog es aber fast alle Nationalspieler in den Süden der Insel - für die Scottish Premiership kam das einer Erosion ihrer Grundlage gleich. In den letzten beiden Spielzeiten schaffte es kein Team aus dem Norden der britischen Insel mehr über die Gruppenphase der Champions League hinaus - und auch in der Europa League war stets früh Schluss. Zuvor schlitterte man wenigstens noch ab und an in die K.o.-Runde.

Auch dies geht zum Teil auf die Arbeit des 58-jährigen Trainers zurück: Spätestens in seiner Zeit bei Celtic hat er sein Können an der Seitenlinie unter Beweis gestellt und gezeigt, dass er ein Spielsystem entwickeln kann. Unter seiner Ägide gelang dem Klub der Meister-Hattrick. Zudem erreichte er 2007 und 2008 zweimal in Folge das Achtelfinale der Champions-League, schied dort dann gegen jeweils knapp gegen den AC Mailand respektive den FC Barcelona aus.

Up and down in der Qualifikation

Ähnlich bemerkenswertes will der akribische Arbeiter nun auch mit den Schotten erreichen. Und sein Team startete gut: Nach der Hälfte der Qualifikation rangierte sein Team auf dem zweiten Tabellenplatz - nur einen Punkt hinter Spitzenreiter Polen. Doch ein umkämpftes Unentschieden im Klassiker gegen Irland und die unglückliche Niederlage am Freitag in Tiflis gegen Georgien bremsten die Schotten auf ihrer Mission stark aus. "Das war einfach nicht unser Abend", konstatierte der Coach nach dem Spiel und kam ohne einen Vergleich mit einer anderen Sportart nicht aus: "Das war wie bei einem Golfer, der eine gute Runde spielt und dann den Putt vergeigt. Wir waren nur einige Zentimeter davon entfernt, einige gute Aktionen zu zeigen."

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Durch die Niederlage hat sich die Ausgangslage enorm verschlechtert. Sollten die Bravehearts gegen Deutschland keine Punkte erringen und gleichzeitig die Iren bei der Pflichtaufgabe Georgien nicht patzen, wäre es wohl das Aus im Rennen um ein Ticket für die Endrunde in Frankreich.

"Schottland braucht ein Wunder"

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"Schottland braucht ein Wunder", titelte die Daily Mail  nach der Partie. Aber Strachan wäre nicht Strachan, wenn er sich trotz der Pleite nicht vor seine Spieler stellen und ihnen Mut für die kommende Partie zusprechen würde: "Ich bin sicher, dass unsere Spieler eine tolle Leistung abliefern wollen. Zum Punktesammeln braucht es diese tolle Leistung."

Die positive Herangehensweise des Coaches überträgt sich auf die Spieler: "Die Gruppe ist weiterhin offen, es sind noch neun Punkte zu vergeben", weiß Mittelfeldspieler und Kapitän Brown und hofft dabei auf die Unterstützung der Tartan Army: Wir haben so ein großes Spiel vor uns und wir brauchen die Fans gerade jetzt." Dieser Unterstützung kann er sich sicher sein. Egal, ob die Mannschaft gut oder schlecht spielt. Denn alle hoffen, dass die Blüte endlich aufgeht.

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