Olaf Thon im Goal-Interview: "Schalke braucht ein Wunder, um Goretzka zu halten"

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Wechselt Leon Goretzka vom Schalke 04 zum FC Bayern? Auch Olaf Thon glaubt inzwischen nicht mehr an eine Vertragsverlängerung des Mittelfeldspielers.


EXKLUSIV

Vor der Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München steht vor allem ein Mann im Fokus: Leon Goretzka. Auch weil der Vertrag des 22-Jährigen im kommenden Sommer ausläuft, wird seit Monaten über seine Zukunft spekuliert. 

Debatte: Sollte Schalke Leon Goretzka ein Rekordangebot unterbreiten?

Nicht wenige glauben, Goretzka wird es früher oder später zum Rekordmeister ziehen - so auch Olaf Thon, wie er im exklusiven Gespräch mit Goal verriet. Als Klub-Legende von Königsblau spielte er zwischen 1988 und 1994 auch für den FC Bayern und weiß daher, welche Qualitäten bei den Münchnern gefragt sind. 

Die Gerüchte um Leon Goretzka und den FC Bayern halten sich seit Monaten hartnäckig. Wie schwer ist es für einen 22-Jährigen, in ein Spiel zu gehen, in dem man besonders im Fokus steht?

Olaf Thon: Das wird Leon eine richtig breite Brust geben. Trotzdem glaube ich, dass die Verträge mit dem FC Bayern alle schon unter Dach und Fach sind – das ist zumindest mein Gefühl. Dass sich zu diesem Thema über einen so langen Zeitraum niemand äußert, ist sehr verdächtig. Was einen Verbleib auf Schalke angeht, bin ich leider alles andere als optimistisch. Da bräuchte man aus Schalker Sicht ein kleines Wunder.

Gibt es aus Ihrer Sicht auch Argumente, die für einen Verbleib auf Schalke sprechen?

Thon: Natürlich, Goretzkas aktueller sportlicher Lauf wäre für ihn ein guter Grund, seinen Vertrag zu verlängern. Er ist in guter Form, hat gegen Bremen das Siegtor geschossen und bekleidet auf Schalke eine absolute Führungsrolle. Als Dreh- und Angelpunkt ist er der unangefochtene Mann im Mittelfeld und zusätzlich stellvertretender Kapitän.

Ist Goretzka, speziell nach dem Abgang von Benedikt Höwedes, vielleicht der letzte Leader im Schalker Kader?

Thon: Nein, der letzte Leader ist es nicht, aber einer, der sich in den letzten Jahren in diese Rolle reingekämpft hat. Mit Ralf Fährmann, Naldo, Goretzka und Guido Burgstaller haben wir eine tolle Achse von Spielern, die alle Verantwortung übernehmen. Es wäre wünschenswert, wenn diese Leute über Jahre gehalten werden könnten und dem Verein damit die nötige Kontinuität verleihen. In den letzten Jahren war es ein großes Problem, dass uns mit Manuel Neuer, Julian Draxler oder Leroy Sane immer wieder Schlüsselspieler verlassen haben. In diesem Punkt kann man den FC Bayern als Schalker beneiden, denn die schaffen es seit Jahren, ihre Leistungsträger zu halten.

Was muss auf Schalke passieren, damit diese Schlüsselspieler zukünftig gehalten werden können?

Thon: Man kann es nur schaffen, wenn man wie unsere Nachbarn aus Lüdenscheid in jedem Jahr international dabei ist – am besten sogar in der Champions League. Da müssen wir uns jetzt wieder rankämpfen, denn dort wird das große Geld verdient und jeder Spieler träumt davon, im Europapokal zu spielen. Deshalb ist es für die Mannschaft ganz wichtig, in dieser Saison mindestens den sechsten Tabellenplatz zu erreichen. Obwohl es noch sehr früh in der Saison ist, spricht für mich aktuell einiges dafür, dass es wieder aufwärts geht.

GFX Olaf Thon Leon Goretzka

Ist der Kader mit nur 22 Feldspielern nicht vielleicht zu klein, um in der langen Saison zu bestehen?

Thon: Ich glaube, dass dieser kleine Kader vielleicht der Trumpf der Schalker sein kann. Mit Weston McKennie oder Thilo Kehrer haben wir junge und hochveranlagte Jungs, die bedingt durch die Kaderzusammenstellung zu einigen Einsätzen kommen werden. Ein kleiner verschworener Haufen ist oftmals besser als ein großer Kader mit vielen unzufriedenen Spielern. Auf den ersten Blick ist es natürlich ein kleines Risiko, wenn man mögliche Verletzungen kompensieren muss, doch aktuell ist die personelle Situation gut. Mit Breel Embolo kommt beispielsweise ein absoluter Top-Spieler zurück. Sollte tatsächlich noch etwas passieren, könnte man schon im Winter mit neuen Spielern nachlegen.

Wie der kicker am Montag berichtete, plant Sportvorstand Christian Heidel, für eine mögliche Vertragsverlängerung von Leon Goretzka tief in die Tasche zu greifen. Zehn Millionen Euro Jahresgehalt stehen im Raum. Wäre es die richtige Entscheidung so viel Geld auf den Tisch zu legen?

Thon: Ich weiß nicht, ob die Zahlen stimmen, aber kein Spieler und kein Fan würde etwas dagegen haben, dass Goretzka ein paar Millionen mehr verdient als der Rest. Dass die Summe tatsächlich so hoch ist, glaube ich persönlich nicht, aber Geld wird für Leon ohnehin nicht das entscheidende Kriterium sein. Mit 22 Jahren wird ihm die sportliche Perspektive viel wichtiger sein. Wenn man die Möglichkeit hat, beim Serienmeister unterzukommen, wird es nicht leicht, mit Geld dagegenzuhalten – auch nicht mit zehn Millionen Euro jährlich.

Würden Sie anstelle von Goretzka auf Schalke bleiben oder zum FC Bayern gehen?

Thon: (lacht) Zu meiner aktiven Zeit bin ich zwar auch von Schalke nach München gewechselt, doch es war absolut nicht mit Goretzkas Situation zu vergleichen. Damals sind wir in die zweite Liga abgestiegen und es herrschten komplett andere Voraussetzungen. Daher ist es schwer zu sagen, wie ich heute handeln würde. Es ist sicherlich nicht leicht, doch es muss jeder mit sich selbst ausmachen. Doch je schneller eine Entscheidung getroffen wird, umso besser.

Sie selbst haben bei den Bayern gespielt, verfolgen den Verein noch heute sehr genau und wissen, worauf es bei einem solchen Klub ankommt. Bringt Goretzka heute schon die Fähigkeiten mit, um sich dort durchzusetzen?

Thon: Es ist nicht einfach, denn der Kader ist voller Nationalspieler und der Konkurrenzkampf im Team ist riesig. Durch die Dreifachbelastung mit Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League kommt die Mannschaft aber auf extrem viele Spiele, sodass Goretzka auch dort große Chancen hätte, auf mindestens 25 Einsätze zu kommen. Er hat das Potenzial, sich auch in München zum Stammspieler zu entwickeln – doch das hatten viele. Auch Top-Spieler wie Lukas Podolski oder Mario Götze haben es nie geschafft, sich beim FC Bayern durchzusetzen. Man kann also nie genau sagen, ob ein Spieler den Sprung tatsächlich schafft oder nicht. 

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