Muhammed Demirci: Der Zwölfjährige, für den Barcelona eine Million bot

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Als er zwölf Jahre alt war, bot Barca eine Million Euro für ihn und er trat im TV auf. Mit 22 ist er nun in die 2. Liga aufgestiegen - und zufrieden.


HINTERGRUND

Unbehelligt schlendert ein junger Mann über einen Istanbuler Markt und kauft Gemüse ein. Er fällt im geschäftigen Treiben der ihre Waren anpreisenden Händler und um Preise feilschenden Kunden nicht auf. Er trägt eine Sonnenbrille und ein schlichtes schwarzes T-Shirt. Später schreibt Hürriyet: "Muhammed Demirci führt jetzt ein ganz normales Leben". Daneben ein Foto des 22-Jährigen, mitten im sonntäglichen Durcheinander auf einem Marktplatz in Istanbul. Dass die Normalität seines Daseins überhaupt eine Erwähnung wert ist, liegt daran, dass lange absolut gar nichts normal war in seinem Leben. Denn Muhammed Demirci war ein Superstar, noch bevor er überhaupt in die Pubertät kam.

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Alles begann mit einem YouTube-Video. Demirci war zwölf, er kickte für Besiktas. Dort wusste man um die Klasse des Knirpses, der kleiner als die meisten seiner Mitspieler war. Man wusste, dass man da einen in den eigenen Reihen hatte, der vielleicht mal groß rauskommen würde. Entsprechend interessiert war man daran, zu verhindern, dass die Kunde vom Juwel die Runde machte und die Großen der Branche ihre Aufwartung machen würden. 

Das Video des schmächtigen Bubs, der Gegenspieler, teilweise zwei Köpfe größer, wie Slalomschlangen stehenließ und  - noch beeindruckender in seinem Alter - ein Auge für die Mitspieler bewies, das damals wie heute zu lernen unmöglich ist, stellte sein Vater zusammen. Nach eigener Aussage war sein Antrieb dabei keineswegs, den Filius zu einem Top-Klub zu bringen, sondern vielmehr väterlicher Stolz ob der exquisiten Aktionen des Sohnemanns auf den Plätzen des Istanbuler Umlands.

YouTube machte Demirci zum Kinderstar

Zwar war YouTube damals, es war das Jahr 2007, noch jung und keineswegs der TV-Konkurrent und Broadcast-Gigant von heute, virale Videos gab es aber auch damals schon. Und da die Konsumenten noch nicht überfüttert und randvoll mit Videos von vermeintlichen Jahrhunderttalenten und immer spektakulärer anmutenden Aktionen von immer kleiner werdenden Kids waren, ging Demirci als Fußballwunder um die Welt.

Und wahrlich: Auch aus heutiger Sicht muss man anerkennen, dass es beeindruckend ist, wie da ein Zwölfjähriger Pässe aus dem Fußgelenk spielt und sogar punktgenaue No-Look-Pässe im Repertoire hat, mit denen zeitgleich der beste Fußballer der Welt, ein gewisser Ronaldinho Gaucho die Branche verzaubert. 

Es dauert nicht lange, bis das eintritt, was Besiktas gerne vermieden hätte: Demirci wird zum Phänomen, die Presse berichtet, er erhält eine Einladung in eine TV-Show des Sender ATV. Dort taucht er im Barcelona-Trikot auf, redet freimütig davon, dass Ronaldinho sein Vorbild ist. Er sagt Dinge, die man mit Zwölf eben sagt. Er darf seine Tricks vorführen, jongliert unter den Ahs und Ohs der Zuschauer. Dann sagt er: "Wenn es geht, will ich schon nach Barcelona wechseln." Ein Satz wie eine Granate.

Muhammed Demirci Istanbulspor

Megaofferte von Barcelona

Barca lässt sich nicht zweimal bitten. Denn schon damals war der Markt umkämpft und nachdem sich Lionel Messi anschickte, der beste Spieler der Welt zu werden und Ronaldinho zu beerben, dämmerte es den Top-Klubs, dass es da eine Möglichkeit gab, Millionen von Euro zu sparen: indem man Talente möglichst früh zu sich holte. 

Barcelona wusste, dass die Konkurrenz nichts unversucht lassen würde, den kleinen Türken ebenfalls zu sich zu lotsen. So kam es, dass die Blaugrana ein großzügiges Angebot mit nach Istanbul brachten, wo man sich mit Besiktas-Vertretern und Demircis Eltern traf. Eine Million Euro bot man dem Verein, Demirci würde mitsamt seinen Eltern und Geschwistern ein Haus in Barcelona beziehen dürfen. Freilich: Aus Kindersicht ist das Angebot zu schön, um wahr zu sein. 

Auch die Eltern willigten ein, sahen einen schillernden Traum vom luxuriösen Leben am katalanischen Meer vor sich. Der Verein jedoch stellte sich quer. Eine Million Euro waren dem Verein zu wenig. Schließlich schrieben Medien bereits vom "türkischen Maradona". Sich abspeisen zu lassen mit einem Betrag, von dem Demirci in wenigen Jahren ein Vielfaches wert sein würde, kam für Besiktas nicht in Frage. Der Bub musste bleiben, soll geweint haben, als er davon erfuhr, dass es nichts werden würde mit dem Traum vom Ronaldinho-Klub. 

Heimweh beim Probetraining

In Istanbul entwickelte er sich zunächst prächtig weiter. Er wuchs, zeigte immer aberwitzigere Kunststücke und es war allen klar, dass der Wechsel zu einem Kaliber wie Barca schon noch kommen würde, irgendwann, zu seinem späteren Zeitpunkt. Im März 2011 debütierte er dann schließlich für die erste Mannschaft 16 war er da. Parallel war er Star in den türkischen U-Nationalmannschaften.

Die Angebote flogen weiter en masse ins Haus. Erneut eines vom FC Barcelona. Dieses Mal machte er Ernst, flog zum Probetraining. Er überzeugte auf ganzer Linie, sagte dann aber zu allseitiger Überraschung ab. Die Sprachbarriere sei zu groß, er hätte schon während seines kurzen Aufenthalts mit Heimweh zu kämpfen gehabt. Er kehrte zurück, schwor sich, trotz allem eines Tages das Barca-Trikot zu tragen. Erst einmal wollte er es bei Besiktas schaffen.

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Es muss irgendwann zu dieser Zeit gewesen sein, als er begann, der Abstieg des Muhammed Demirci, der Niedergang eines Spielers, den schon mit Zwölf die ganze Welt kannte, und denn nun die harte und erbarmungslose Realität traf. 

Denn er war nun in einem Alter, in dem Traumpässe und Hackentricks nicht mehr ausreichten, um zu glänzen. Taktik, Ballgewinne, Zählbares – nur darum ging es jetzt. Zumal in der ersten Mannschaft teure Stars wie Ricardo Quaresma, Simao oder auch Guti spielten – Akteure, die einiges gesehen hatten und genau wussten, wie es lief.

MUHAMMED DEMIRCI BESIKTAS

Nie ein Tor für Besiktas

Demirci dagegen hatte bis dato immer nur eine Richtung gekannt: die steil nach oben. Er wurde von einer Beckenverletzung zurückgeworfen, dann von Knieproblemen. Hinzu kam seine fehlende Professionalität, die sich ob seiner Frustration einstellte. Denn er wollte einiges nachholen, das er in seiner Jugend verpasst hatte, zog mit Freunden um die Häuser, sah, noch nicht einmal 20 Jahre alt, seinen Traum, doch noch eines Tages für Barca zu spielen, bereits wanken. 13 Spiele absolvierte er in zwei Jahren für Besiktas, ein Tor gelang ihm nicht.

Er wurde in der Saison 2014/15 an Gaziantep, einen Zweitligisten verliehen. Dort geriet er mit dem Trainer aneinander, wurde, nachdem er einige gute Ansätze in seinen ersten Spielen gezeigt hatte, suspendiert. Als er wochenlang auf der Tribüne saß, setzte der grausame Effekt der Branche ein. Er verschwand innerhalb von wenigen Wochen aus dem Fokus, nach seiner Rückkehr teilte man ihm mit, dass man nicht weiter mit ihm plane.

Es war der Sommer 2015, Demirci war inzwischen 20 und stand vor den Trümmern einer als Wunderkind begonnenen Karriere. Als der belgische Erstligist Royal Mouscron anklopfte, packte er sofort seine Koffer und floh – ein Wechsel, der das endgültige Todesurteil für seine einst so verheißungsvolle Karriere bedeutete.

Ganz unten und doch frei

Denn in Belgien herrschte Chaos beim Klub, Trainer und Vereinsführung lagen im Streit, diverse Spieler kamen, diverse gingen. Demirci hatte mit starkem Heimweh zu kämpfen, flog mehrfach nach Hause. Er spielte nicht eine Sekunde für Mouscron.

Nach einer Leihe zum türkischen Drittligisten Istanbulspor wechselte er dort im Sommer 2016 fest hin. Dort hat er es endlich geschafft, seine Karriere in stabile Bahnen zu lenken. Mit 22 ist er dort Stammspieler, erzielte in den letzten drei Saisonspielen drei Tore. Nach Jahren des Leids hatte er dort auch endlich etwas zu jubeln. Nach einem Herzschlagfinale stand der Aufstieg in die 2. Liga, wo er in der kommenden Saison kickt, fest. Weit weg von Barcelona.

Das, findet Demirci, sei zwar schön, längst sind andere Dinge aber wichtiger. Gesund zu bleiben zum Beispiel. Oder seine Familie. Und so ist es für ihn keineswegs ein Zeichen des Absturzes, wenn er über einen Istanbuler Markt schlendert, sondern Freiheit. Denn niemand fragt ihn nach Barcelona oder einem Autogramm. Muhammed Demirci, das Wunderkind, ist in Vergessenheit geraten. Und kaum jemand freut sich darüber mehr als Muhammed Demirci, der erwachsene Mann. Er ist angekommen, zehn Jahre, nachdem ein YouTube-Video den Wahnsinn lostrat, der sein ganzes Leben veränderte.

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