Jemerson: Vom Spätstarter zum Monaco-Führungsspieler und Neymar-Mitspieler

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Jemerson war nie ein große Überflieger. Dennoch hat er es bis zur Monaco-Säule gebracht. Dank Video-Sessions mit Jardim und großen Träumen.


HINTERGRUND

Dass sich der Traum, den Jemerson de Jesus Nascimento, kurz Jemerson, bereits als ganz kleiner Junge hatte, ausgerechnet im australischen Melbourne erfüllen sollte, hätte er dann doch nicht gedacht. Und dann auch noch in einer Arena, die ursprünglich für Cricket-Länderspiele gedacht war. Freilich beides keine Gründe, das Strahlen zu mindern, das sein Gesicht überzog, als er an der Seitenlinie stand, mit der Nummer 13 auf dem Rücken. Bereit, sein Debüt für die brasilianische Nationalmannschaft zu geben.

Kapitän Thiago Silva klatschte den 25-Jährigen kurz ab und dann war er da, der Moment, auf den nicht nur Mama und Papa daheim in Jeremoabo, im Norden Brasiliens, lange erwartet hatten, sondern vor allem er selbst. Er bekreuzigte sich und als er den Rasen betrat, war er brasilianischer Nationalspieler. 

Es ist der vorläufige Höhepunkt in Jemersons Karriere, die erst verhältnismäßig spät Fahrt aufnahm. Denn er ist kein Talent mehr, bereits 24, als sich der Kindheitstraum von der Selecao erfüllt. Möglich gemacht hat diesen die AS Monaco, bei der er seit seinem Wechsel zur Säule gereift ist und nach dem Abgang einiger Stammspieler um Kylian Mbappe nun wichtiger denn je ist. 

Jemerson Atletico

Es passt zu seiner Karriere, dass er erst spät - inzwischen ist er 25 - richtig in Fahrt kam. Denn ein Spätstarter war er schon immer. Beim Kultklub Atletico Mineiro, bei dem der große Ronaldinho einst spielte, war er in der Jugend nie mehr als ein solider Mitläufer. Für Tore und Spektakuläres sorgten andere, er selbst räumte auf. 

Erst 2013/14 eroberte er einen Stammplatz, da war bereits 21. Und auch das nur, weil sich ein Innenverteidiger verletzte. Er nahm seine Chance wahr und entwickelte sich in zwei Jahren an der Seite vom Ex-Wolfsburger Josue oder auch dem heutigen Hamburger Douglas Santos rasant - so rasant, dass die Scouts der AS Monaco auf den stämmigen Verteidiger aufmerksam wurden, der zwar nur 1,84 misst, aber schon damals eine ungeheure Dynamik mitbrachte. 

2016, im Winter, da in Brasilien nach Kalender gespielt wird, holten die Monegassen ihn dann ins Fürstentum. Eine goldrichtige Entscheidung! Denn einerseits war er mit 23 bereits alt genug, um nicht wie so viele andere Samba-Kicker in Europa Schiffbruch zu erleiden, und andererseits noch jung genug, um sich zu entwickeln. 

Spezial-Taktik-Training und Video-Sessions mit Jardim

"Ich habe am Anfang viel Taktik-Training gemacht. Da hatte ich einiges aufzuholen", verriet Jemerson. Trainer Leonardo Jardim ist ein Taktik-Liebhaber, einer, der von jedem seiner Spieler verlangt, immer genau zu wissen, wie der optimale Laufweg auszusehen hat. Anfangs hatte Jemerson damit große Probleme. Doch er biss sich durch, hatte in Fabinho, Jorge, Bernardo Silva und vor allem Joao Moutinho Teamkollegen, die ihm immer weiterhalfen.

In der Liga zahlte er beim 1:6 gegen Olympique Lyon wertvolles Lehrgeld. Als Rechtsverteidiger aufgeboten sah er gegen Lacazette, Ghezzal und Co. ein ums andere Mal aus wie ein Schüler. Jardim ließ ihn dennoch auf dem Feld. Im Nachgang sahen sich beide zusammen Szene um Szene an. "Ich habe in diesem Spiel eine Menge gelernt", sagte er später. 

Jemerson Monaco

Es kam die Saison 2016/17 und mit ihr der große Monaco-Triumphzug. Hinter der Fabel-Offensive mit Mbappe, Falcao, Lemar, Silva und Co. stand neben Kapitän Glik stets: Jemerson. Mit seiner Dynamik, seiner immer größere werdenden Ruhe, seiner Sprungkraft und seiner Technik, die er sich in der Heimat beim Kicken auf einem staubigen Hartplatz angeeignet hatte, wurde er zu einem der besten Verteidiger der Liga. 

Er spielte immer, war feste Säule in einem Team, das in der Liga das Star-Ensemble von PSG in die Schranken wies und in der Champions League bis ins Halbfinale vorpreschte. Zweimal kassierte Monaco in der Saison fünf Tore, zweimal spielte er nicht. Sein Aufbauspiel machte einen solchen Sprung nach vorne, dass der sonst so knurrige Jardim frohlockte: "Die Offensive beginnt bereits hinten bei Jemerson. Er schafft Räume mit seinen Pässen." Er selbst sagte: "Man nennt mich 'Blackenbauer'. Ich bin ziemlich schnell und technisch stark." Freilich etwas hochgegriffen und einen Rassismus-Eklat lostretend zudem; im Kern aber richtig.

In der Champions League stellte er zudem unter Beweis, dass er es auch gegen die ganz Großen kann. Gegen Dortmund oder eben auch im Rückspiel gegen ManCity, in dem er eine Bank war, gegen die es kein Durchkommen gab oder auch bei beiden Siegen gegen das so hochgelobte Tottenham. 

Und dennoch flog er immer ein wenig unter dem Radar. Denn da gab es nunmal die Offensiven und sonst Mendy, Sidibe, Fabinho oder Bakayoko, von ihm selbst war fast nie die Rede. Deswegen blieb auch eine Einladung in die Selecao lange aus. Dort, wo mit David Luiz einer der Spieler spielt, die er bewundert. 

Plötzlich Führungsspieler

In der neuen Saison ist er mit 25 plötzlich Führungsspieler - und macht wie immer genau das, was Jardim von ihm will. Der hatte im März gesagt: "Jemerson muss noch torgefährlicher werden." In den ersten beiden Spielen der laufenden Saison traf er prompt jeweils einmal. Und wie er da hochstieg und den Ball entschlossen in die Maschen köpfte, danach abdrehte und seine Freude hinaus schrie, fühlte man sich schon fast an Sergio "Air" Ramos erinnert. 

Und auch, wenn er freilich noch nicht konstant genug ist, jüngst beim 0:4 gegen Nizza schlecht aussah und seine Diagonalbälle weiter ab und zu verunglücken: Jemerson ist noch lange nicht am Ziel. Nach dem Debüt im Juni für die Nationalmannschaft will er sich dort in den WM-Kader spielen. Mit Top-Leistungen für Monaco, das auch stark dezimiert vier von fünf Spielen gewann. 

Und dann ist da ja auch noch sein anderer großer Traum: einmal die Champions League zu gewinnen. So wie die großen Brasilianer Ronaldinho, Rivaldo, Ronaldo oder Cafu. Mit Porto, Besiktas und RB Leipzig ist man in einer Gruppe - eine machbare Aufgabe. Und danach? "Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man immer an seine Träume glauben soll", sagt Jemerson. "Im letzten Jahr hat auch keiner an uns geglaubt."

Und auch wenn das Erreichen seines Ziels, einmal den Henkelpott in den Händen zu halten, mit Monaco schwer zu erfüllen sein dürfte: Da gibt es ja auch noch diverse andere Vereine, in deren Fokus er automatisch geraten wird, wenn er eine weitere Saison auf diesem Niveau hinlegt. So oder so: Der Höhepunkt seiner Karriere wird jener Moment in einem australischen Cricketstadion sicherlich noch nicht gewesen sein.

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