WM-Trainer statt Gebäudereiniger: Die bemerkenswerte Geschichte von Marokkos Herve Renard

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Als Spieler kam er nie groß raus, früher betrieb er eine Gebäudereinigungsfirma. Nun will Herve Renard mit Marokko bei der WM für Furore sorgen.


HINTERGRUND

Herve Renard ist müde. Den unangenehm hämmernden Ton des Weckers würde er am liebsten überhören, sich umdrehen und weiterschlafen. Es ist mitten in der Nacht, draußen sind aber trotzdem noch einige Menschen unterwegs. Sein Heimatland Frankreich trägt gerade die WM aus, die Euphorie ist riesig. Marokko, die Nation, die er heute trainiert und zur WM 2018 in Russland führte, ist damals, 1998, letztmals dabei. Renard juckt das alles in diesen Momenten ziemlich wenig. Aufstehen, fertig machen, ab auf die Arbeit.

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"Acht Jahre lang bin ich um drei Uhr morgens aufgestanden, um arbeiten zu gehen", verriet Renard einmal dem Magazin So Foot. Schon am Ende seiner bestenfalls durchschnittlichen Spielerkarriere als Innenverteidiger und dann auch während des Übergangs auf die Trainerbank führte der Franzose gemeinsam mit seiner Frau eine Gebäudereinigungsfirma. "Ich machte die gemeinnützigen Räume in der Stadt sauber und brachte den Müll raus", erinnert sich Renard.

Eine Zeit, die ihn, der sich heute zweifacher Afrika-Meister nennen darf und in Marokko seit der geglückten WM-Qualifikation verehrt wird, prägte. "Ich werde diese Momente nie vergessen. Sie helfen mir, Dinge zu relativieren."

Herve Renard als Spieler: An Deschamps oder Desailly "komme ich nicht ran"

Seit 1997 hatte er seine Spielerkarriere bei Sporting Club de Draguignan, einem französischen Fünftligisten aus einer Kleinstadt an der Cote d'Azur ausklingen lassen, nebenher bereits die Reinigungsfirma betrieben. Als Jugendlicher war er zwar in die berühmte Nachwuchsakademie von AS Cannes gewechselt, spielte dort mit den späteren Weltmeistern Didier Deschamps und Marcel Desailly, die dem gleichen Jahrgang wie Renard angehören. Doch deren Level war für ihn schlichtweg zu hoch.

"Ich merkte: An die komme ich nicht ran, die sind viel besser als ich. Ich war bestenfalls ein durchschnittlicher Drittligaspieler", gibt der heute 49-Jährige zu. Cannes hatte er mit Anfang 20 verlassen, spielte dann sechs Jahre beim Dorfklub Vallauris, ehe er nach Draguignan ging. 1999, schon mit 30, beendete er dort seine aktive Laufbahn, wurde sofort Trainer des Vereins.

Als Coach sollte es für Renard höher hinausgehen. Er hatte das Quäntchen Glück, hatte mit Claude Le Roy, einem französischen Trainer-Weltenbummler, der unter anderem Kamerun bei der WM 1998 trainierte, einen Mentor. Le Roy nahm Renard in seinen Stab auf, 2002 war er daher plötzlich Co-Trainer eines chinesischen Zweitligisten, ging 2003 mit Le Roy zum englischen Viertligisten Cambridge United, löste seinen Ziehvater dort 2004 dann als Cheftrainer ab.

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Den entscheidenden Schritt mit Le Roy ging Renard aber 2007, als er dessen Assistent bei Ghanas Nationalmannschaft wurde und so erstmals nach Afrika kam. Den Kontinent, auf dem er seine größten Erfolge feierte. Ein Geheimnis dafür hat er nicht, vielmehr müsse man "wissen, wie man sich dem Land, in dem man arbeitet, anpasst. Die Menschen respektieren, ihre Kultur, ihre Sitten und Gebräuche. Dennoch sollte man nicht von seiner Linie abweichen und gleichzeitig so loyal wie möglich sein. So versuche ich in Afrika nun seit fast zehn Jahren zu arbeiten."

Renards Triumph mit Sambia

2008 trat er seinen ersten Cheftrainerposten in Afrika an, übernahm Sambia, führte das Land beim Afrika-Cup 2010 bis ins Viertelfinale, wo man nur äußerst unglücklich im Elfmeterschießen an Nigeria scheiterte. Dennoch heuerte Renard wenig später in Angola an, weil er dort mehr Geld verdienen konnte. Die Menschen in Sambia nahmen ihm das übel - doch Renard sollte zurückkehren und alles wieder gut machen.

GFX Herve Renard

Angola betreute er nur für drei Spiele, über einen algerischen Klub kam er Ende 2011 zurück nach Sambia. Mit dem krassen Außenseiter überstand Renard beim Afrika-Cup 2012 die Gruppenphase, im Halbfinale schlug man sensationell Ghana. "Acht Jahre lang habe ich den Müll rausgetragen. Jetzt stehe ich als Trainer im Endspiel des Afrika-Cups. Fußball ist magisch, oder?“, sagte Renard seinerzeit auf der Pressekonferenz vor dem Endspiel gegen die Elfenbeinküste.

Renards Team voller No-Names fightete sich gegen die Ivorer um Superstars wie Didier Drogba oder Yaya Toure ins Elfmeterschießen - und wurde tatsächlich erstmals in der Geschichte Sambias Afrikameister.

Renard ist im 14-Millionen-Einwohner-Land auf ewig ein Held, wiederholte den Triumph beim Afrika-Cup drei Jahre später mit der Elfenbeinküste. Diesmal aufgrund der Ansammlung großer Namen bei den Ivorern fast erwartungsgemäß.

Bei seinen beiden Vereinstrainerstationen in Europa bei Sochaux und Lille scheiterte er schnell und musste jeweils nach nur einem halben Jahr wieder gehen. In Afrika ist Renard aber einer der angesehensten Coaches. Was er dort so schätzt? "Auf diesem Kontinent streiten sich die Leute ständig - aber für das Nationalteam kommen sie alle zusammen. Sie können dich unfassbar hart kritisieren, aber sie unterstützen dich bei jedem Spiel, nicht nur bei einer WM", erklärt er.

Herve Renard in Marokko: Viel Talent, endlich eine Einheit

Seit Anfang 2016 ist Renard nun für Marokko verantwortlich, hat einen starken Punkteschnitt von 2,0 und aus talentierten Einzelspielern ein schlagkräftiges Team geformt. Mit Spielern wie Medhi Benatia, Younes Belhanda, Amine Harit, Achraf Hakimi, Hakim Ziyech oder Moubarak Boussoufa hat er viel Potenzial im Team, weiß dieses aber auch optimal zu bündeln und versteht es, die Stars dazuzubringen, alles für ihr Land zu geben. Etwas, womit Marokkos Fußball in den vergangenen 20 Jahren seit der letzten WM-Teilnahme häufig zu kämpfen hatte.

Renard Deschamps DesaillyHerve Renard (Mitte) mit seinen Jugendfreunden Marcel Desailly (l.) und Didier Deschamps (r.)

Eine komplizierte Quali-Staffel mit der Elfenbeinküste, Mali und Gabun überstanden die Nordafrikaner souverän. Auch bei der WM hat Marokko mit den Schwergewichten Spanien und Portugal eine sehr schwierige Gruppe erwischt. Kaum jemand traut dem Team den Sprung ins Achtelfinale zu, Renard ist dennoch ambitioniert: "Ich mache Ihnen nichts vor", sagte er exklusiv bei Goal. "Wenn wir in der Vorrunde ausscheiden sollten, wäre das eine herbe Enttäuschung. Wir fahren dorthin, um das Turnier bestmöglich zu spielen, nicht einfach nur, um dabei zu sein."

Inspiration verspricht sich Renard dabei ausgerechnet von den algerischen Nachbarn. "Wir können Algerien als Beispiel nehmen, das bei der letzten WM im Achtelfinale sogar Deutschland enorme Schwierigkeiten bereitet hat", erinnert er.

 

Renard ist fest entschlossen, jede Sekunde der WM auszukosten, alles dafür zu tun, so lange wie möglich dabei zu sein. "Das wird für mich ein außergewöhnliches Erlebnis. Seit 1978, als ich erstmals eine WM am Fernseher verfolgt habe, habe ich irgendwo im Hinterkopf immer diese Lust verspürt, irgendwann mal selbst dabei zu sein. Ich habe schon davon geträumt, als ich noch sehr klein war."

Vermutlich hat Renard auch vor rund 20 Jahren von einer WM-Teilnahme geträumt. Als ihn noch jeden Morgen um drei Uhr der Wecker aus dem Schlaf riss. Heute ist er selbst Teil der Euphorie, die damals vor seiner Haustür entfacht worden war. Die ihn in diesen Momenten aber nicht sonderlich juckte, weil er zur Arbeit musste.

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