Gerard Pique: Das Harvard-Genie, das im Streit um das katalanische Referendum zwischen die Fronten gerät

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Erneut attackieren die eigenen Anhänger Gerard Pique übel. Doch der Barca-Star tritt allen Kontroversen zum Trotz nicht aus der Seleccion zurück.

Wenn Fußballer kurzfristig zu einer Pressekonferenz laden, dass heißt das selten etwas Gutes. Manchmal geht es um persönliche Verfehlungen, mal um schwere Verletzungen und in der Regel um Rücktritte. Mit letzterem war am Mittwoch durchaus zu rechnen, als Spaniens Innenverteidiger Gerard Pique sich im Lager der spanischen Nationalelf den Journalisten stellte.

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Aber der Abwehrstar des FC Barcelona, der in den vergangenen Tagen zum Symbol der Zerrissenheit Spaniens bei der Frage, ob Katalonien sich abspalten sollte, geworden war, verkündete, Teil der Seleccion bleiben zu wollen. Jedenfalls bis 2018. Nach der WM in Russland ist für ihn Schluss, daran hat sich nichts geändert. Vorzeitig will er sich aber trotz der aktuellen Kontroversen nicht verabschieden.

Pique: "Ich werde jetzt nicht durch die Hintertüt verschwinden"

"Ich werde jetzt nicht durch die Hintertür verschwinden", stellte er klar. Und er ergänzte: "Mich stört vielmehr, dass die Proteste gegen mich einen Effekt auf meine Teamkollegen haben könnten."

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Bereits am Sonntag hatte sich Pique der Presse gestellt und dabei noch einen ziemlich verzweifelten Eindruck hinterlassen. Nach Barcelonas Heimsieg über Las Palmas, bei dem keine Fans in das Camp Nou gelassen worden waren, nahm er Stellung.

Er und seine Mannschaftskameraden waren von der spanische Liga (LFP) gezwungen worden, die Partie auszutragen, während es in Katalonien und besonders in Barcelona brutale Szenen und Ausschreitungen rund um das Unabhängigkeitsreferendum gegeben hatte.

Mit belegter Stimme sagte Pique, der offensichtlich bereits mit den Tränen kämpfte: "Es war ein schwieriger Tag. Vermutlich der schwierigste, seitdem ich Profi bin. Aber meine Meinung zählt nur wenig."

Kritik an Spaniens Premierminister Mariano Roy

Was das angeht, liegt Pique allerdings falsch. Denn seine Ansichten sind für viele Menschen wichtig. Zum Beispiel für jene, welch die Meinung vertreten, das katalanische Volk habe das Recht, darüber zu entscheiden, ob es ein Teil Spaniens bleiben wird. Und auch für diejenigen, die das anders sehen.

Ein Beispiel: Als Pique öffentlich Kritik an Spaniens Premier Mariano Roy äußerte, schaffte es diese Meldung in die Nachrichten. Der Barca-Star hatte geätzt: "Er ist der Präsident der Regierung, er reist in der Welt herum und er hat keine Ahnung davon, wie man Englisch spricht. Das ist sein Niveau."

Gerard Pique Catalan Referendum

Da kam es wenig überraschend, dass Pique am Montag beim Training der spanischen Nationalelf von einigen Fans beleidigt und ausgebuht wurde.

Ein Teil der 1000 Anhänger brüllte bei der offenen Trainingseinheit: "Piqué, cabrón, fuera de la selección (Pique, A****loch, raus aus der Nationalmannschaft)."

Pique bot seinen sofortigen Rücktritt an

Diese (vulgäre) Reaktion war vorauszusehen. Denn es gibt nicht wenige Fans der spanischen Mannschaft, die Pique nicht unterstützen, um es einmal freundlich auszudrücken. Sie werfen ihm seine Unterstützung für Katalonien vor und damit einhergehend auch mangelnden Patriotismus.

Pique wehrte sich: "Bei der Nominierung für die Nationalmannschaft geht es nicht darum, wer am patriotischsten ist. Es gab viele Spieler, die aus anderen Ländern stammen und nach ihrer Einbürgerung für Spanien aufliefen. Wenn man für das Nationalteam nominiert ist, geht es darum, das Beste zu geben und zu versuchen, zu gewinnen. Das ist jedenfalls mein Verständnis."

"Ich glaube wirklich, dass ich in der Nationalmannschaft eine Zukunft habe und ich bin überzeugt davon, dass es Tausende von Menschen gibt, die komplett gegen das sind, was passiert ist", so der Abwehrspieler weiter: "Aber ich sage auch: Wenn der Trainer oder ein anderer Funktionär im Verband der Meinung ist, dass ich ein Problem oder eine Ablenkung für die Nationalmannschaft darstelle, dann werde ich nicht zögern, zur Seite treten und das Team schon vor 2018 verlassen."

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Wenn Pique etwas sagt, dann sind das keine leeren Phrasen. Der 30-Jährige ist hochintelligent, sein IQ liegt bei mehr als 140. Wenn er etwas sagt, darf man davon ausgehen, dass er sich die Konsequenzen daraus vorher überlegt.

Natürlich reagiert er manchmal impulsiv, das konnten die Fans mehrfach auf dem Rasen und bei seinen Social-Media-Aktivitäten erleben, doch Pique ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Student des Spiels. An der renommierten Havard Universität belegte er an der Seite anderer Elite-Athleten wie CJ McCollum, Jamie Heaslip, Alisson Feaster und Rashean Mathis einen Kurs mit dem Thema "The Business of Entertainment, Media and Sport".

Das Wissen um die Bedeutung des FC Barcelona für die Fans in Katalonien

Pique lernte eine Menge und vor allem, wie wichtig es ist, klar und deutlich mit seinen Kollegen zu kommunizieren. Darum kritisierte er Rajoy auch für dessen mangelhafte Englisch-Kenntnisse. Immerhin ist Englisch die internationale Geschäftssprache Nummer eins.

Es waren Pique und seine Frau Shakira, die gemäß Barcelonas Vize-Präsident Manuel Arroyo "einen Teil der Basis" für den Barca-Sponsorendeal mit Rakuten bei einem Abendessen mit den Verantwortlichen der Firma legten. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zählt zu den Geschäftspartnern des ehemaligen Welt- und Europameisters.

Legendäre FIFA-Teams: FC Barcelona 2009

Pique hat sich zur polarisierenden Figur des spanischen Fußballs entwickelt. Dabei verfügt er eigentlich nicht über eine Charakter, an dem sich zwangsläufig die Geister scheiden. Noch im vergangenen Monat präsentierte er vor über 180 Havard-Studenten eine Fallstudie zum FC Barcelona, in dem er für Integration warb. Seine Idee ist es, den Klub nach Außen zu öffnen und nicht, ihn vor der Welt abzuschotten.

Das Gleichgewicht, so betonte er, sei dabei der Schlüssel. Es gehe darum, "zu erkennen, dass wir unsere globale Reichweite nutzen müssen. Gleichzeitig müssen wir unsere starke Basis an lokalen Anhängern wahren. Denn sie wird immer für uns da sein. Auch in schwere Zeiten."

Pique betont die "Werte des Vereins"

Pique betonte, Barca sei für die katalanischen Fans immer "mehr als ein Klub" und das werde auch immer so sein. Der Verein ist ein Mittel, die eigene Identität auszudrücken.

Er schloss: "Die wichtigste Sache ist nicht die sportliche Leistung der heutigen Jugend. Sondern die Vermittlung der Werte des Vereins, den sie repräsentieren."

Der katalanische Stolz steht in Spanien seit langer Zeit im Mittelpunkt von Streits und Diskussionen. Zurück geht der Konflikt im Land auf die Belagerung Barcelonas im Jahr 1714. König Philipp V. von Spanien annektierte damals Katalonien im Rahmen des spanischen Erbfolgekriegs. Zudem litt Katalonien unter der brutalen Militärdiktatur von General Francisco Franco (1936-1975).

Aber wie sich am Sonntag einmal mehr zeigte: Der katalonische Stolz lässt sich nicht unterdrücken.

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Am Sonntag gingen dann verstörende Bilder um die Welt. 900 Menschen wurden verletzt, die Polizei ging teilweise mit Gewalt gegen Pro-Unabhängigkeits-Demonstranten vor. Pique sagte: "Es ist ein sehr harter Tag. Die Bilder von der Guardia Civil und der Polizei sprechen für sich. Wir Katalanen sind keine bösen Menschen. Wir wollen nur wählen. Wenn du zur Wahl gehst, kannst du mit 'Ja' oder 'Nein' stimmen oder keine Stimme abgeben. Aber du hast jedenfalls die Möglichkeit. Unter Francos Regime durften wir nicht wählen und das ist ein Recht, das wir verteidigen müssen."

"Ich bin Katalane und fühle mich als solcher. Das tue ich jetzt mehr als je zuvor", so Pique weiter. "Sollen sie doch tun, was sie tun. Heute, für immer, so soll es sein. Egal, wie sehr sie dich anstacheln, sollen sie ruhig noch lauter singen."

Die Gesänge und Tiraden gegen Pique werden nicht abreißen, so viel ist sicher. Genauso sicher ist seit den vergangenen Tagen aber auch, dass der Verteidiger zu seiner Überzeugung steht und dazu gehört es auch, weiterhin für Spanien aufzulaufen.

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