Edin Dzeko und Aleksandar Kolarov: Zwei Kriegskinder auf der großen Bühne

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Die Jugoslawienkriege bestimmten die Kindheit von Edin Dzeko und Aleksandar Kolarov. Fernab des Leids stehen sie nun mit der AS Rom im Rampenlicht.


HINTERGRUND

Im Jahr 1995 glich der Ortsteil Otoka in Sarajevo einem Trümmerhaufen. Dort, wo wenige Monate zuvor noch Wohnsiedlungen standen und Hochhäuser aus dem Boden ragten, überwogen nun Schutt und Asche. Kaum ein Gebäude wurde von den vielen Bomben verschont, die im bosnischen Unabhängigkeitskrieg in der Metropole detonierten.

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"Ich habe als Kind sehr oft geweint, weil immer die Gefahr bestand, dass ich getötet werde", blickte Edin Dzeko in einem Interview zurück. Denn der Stürmer der AS Rom wuchs inmitten des Kriegsgebiets auf und wohnte fast drei Jahre in Sarajevos Ortsteil Otoka, der zu dieser Zeit von bosnischen Serben besetzt wurde.

Sechs Jahre alt war Dzeko, als der Krieg 1992 ausbrach, in dem fast 100.000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Und wie viele Kinder war auch der kleine Edin von klein auf fußballbegeistert und nutzte jede freie Minute, um mit seinen Freunden auf der Straße dem runden Leder hinterherzujagen – eine Leidenschaft, an der auch der Krieg wenig änderte. Obwohl seine Eltern jedes Mal fürchteten, es könnte etwas Schreckliches passieren, spielte der talentierte Junge auch im Krisengebiet regelmäßig Fußball. Denn wenn der Ball über die Felder rollte, vergaß er für wenige Momente das Leid und die Entbehrungen des Krieges.

Dzeko: "Meine Mutter hat mir das Leben gerettet"

Eines Nachmittags jedoch verbot seine Mutter dem heutigen Weltklassestürmer das Spielen mit den Freunden. "Meine Mutter hat mir das Leben gerettet", erinnert er sich später. "Sie erlaubte mir einmal nicht, mit meinen Freunden auf der Wiese zu spielen. Nur Minuten später fiel eine Granate genau auf diese Wiese und viele meiner Freunde wurden getötet."

Da wenig später auch das Haus der Familie zerstört wurde, wagten Edin, seine Eltern und seine Schwester die Flucht zu den Großeltern, die hinter der Belagerungslinie wohnten – in einer Zone, die unter bosnisch-republikanischer Kontrolle stand. "Die Angst war immer dabei. Wir mussten uns immer verstecken, wenn Schüsse krachten und die Bomben fielen", beschrieb Dzeko.

Doch auch das notdürftige Leben bei den Großeltern war für die junge Familie im Kriegsgebiet mit großen Entbehrungen verknüpft. Im Vereinsmagazin von Manchester City sprach er einst offen über die damaligen Zustände: "Die ganze Familie – vielleicht 15 Leute – drängte sich in eine Wohnung mit 35 Quadratmetern.  Ich war noch jung und habe oft geweint. Jeden Tag konnte man das Gewehrfeuer hören. "

Kolarov im Bombenregen von Belgrad

"Es war eine schreckliche Erfahrung, in einer Stadt zu wohnen, die unter Belagerung steht – doch ich hatte keine Wahl", machte Dzeko klar. "Da jeder jemanden kannte, der beim Militär war, hatten wir alle damit zu kämpfen, Familie oder Freunde verloren zu haben." – Eine Aussage, die wahrscheinlich jeder Mensch unterschreiben würde, der einen solchen Krieg miterleben musste. Auch der Serbe Aleksandar Kolarov, der inzwischen zusammen mit Dzeko bei der AS Roma spielt.

Statt in Sarajevo lebte Kolarov in der serbischen Hauptstadt Belgrad, während der Kosovokrieg im Jahr 1999 seinen Höhepunkt fand. Nachdem die Serben der Region Kosovo seinen autonomen Status einer Provinz aberkannte, eskalierten Proteste der Kosovaren, die in einem schrecklichen Krieg endeten, den erst das Eingreifen der NATO beendete.

"Drei Monate lang flogen jeden Tag die Bomben", erinnert sich Kolarov gegenüber dem britischen Guardian. "In der Nähe unseres Hauses sind Bomben eingeschlagen, die unsere Scheiben zerfetzt haben. Bei uns in der Nähe war ein Militärflugplatz, der häufig Ziel der Angriffe war", spricht der heutige Nationalspieler über seine Kindheitserinnerungen.

GFX Quote Edin Dzeko

Parallelwelt Profifußball

14 Jahre alt war Kolarov als der Konflikt endete – alt genug, um an sich gut an die schrecklichen Ereignisse der Jugoslawienkriege erinnern zu können: "In den ersten Tagen hat man noch Angst, doch danach ist jeder Tag gleich."

Ein Lichtblick im damals so tristen Alltag war auch für den Linksfuß der Fußball: "Als Kind wollte ich einfach rausgehen und Fußball spielen, doch ich konnte nicht, da die Stadt bombardiert wurde." Nur selten trauten sich Kolarov und seine Freunde auf die Straße, um ihrer großen Leidenschaft nachzugehen. "Es war schwierig. Wir spielten zwar, doch nicht in der Akademie. Die Trainer wollten nicht für das verantwortlich sein, was passieren könnte."

Rund 20 Jahre später sieht der Alltag von Kolarov und Dzeko komplett anders als. Weit weg vom Leid des Krieges scheint es fast, als lebten die beiden Fußballprofis in einer Parallelwelt, von der sie als Kinder nicht einmal zu träumen wagten.

"Heute habe ich vor nichts mehr Angst"

So werden sie am Mittwochabend gegen 18 Uhr in coolen Anzügen aus dem Mannschaftsbus der AS Rom steigen, um den Fußballtempel Camp Nou zu betreten. Der Ort, an dem die beiden Kinder des Krieges auf ganz großer Bühne, im Viertelfinale der Champions League auf den FC Barcelona treffen (Mittwoch, 20.45 Uhr im LIVE-TICKER).

Einhunderttausend Zuschauer werden am Abend auf den Rängen sitzen, während mehrere Millionen das Spiel an den heimischen Fernsehern live verfolgen. Eine Kulisse, die so manche Spieler einschüchtern würde – nicht aber Dzeko und Kolarov, die auch schon bei Manchester City Mannschaftskameraden waren und inzwischen gute Freunde geworden sind, obwohl sich Serben und Bosnier in den Jugoslawienkriegen bekämpften. "Heute habe ich vor nichts mehr Angst", sagte Dzeko einst in Bezug auf seine harte Kindheit.

Denn in jungen Jahren schon solche extremen Erfahrungen zu machen, prägt jeden Menschen – auch Kolarov und Dzeko, die zwar heute große Fußballer und gefeierte Stars in ihren Heimatländern sind, doch dem ganzen Ruhm der Fußballwelt mit Demut entgegentreten. Aus eigener Erfahrung wissen sie, dass es wichtigeres im Leben gibt als teure Autos, schicke Klamotten und Ruhm - den Frieden.

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