Cuauhtemoc Blanco: Der letzte Herrscher der Azteken

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Cuauhtemoc Blanco ist berüchtigt für seinen selbstkreierten Trick. Mittlerweile sorgt er als Politiker allerdings für heikle Schlagzeilen.

Wir schreiben den 28. Februar 1525: Konquistador Hernan Cortes, der auf seinem blutigen Feldzug von der Küste bis ins Landesinnere Mexikos eine Stadt nach der anderen eingenommen hatte, ordnet die Hinrichtung seines größten Widersachers an. Cuauhtemoc, oberster Kriegsherr in Tenochtitlan, der aztekischen Hauptstadt, muss sterben. Lange Zeit hatte er sich gegen die spanischen Eroberer gewehrt, gegen die Zerstörung seiner Heimat angekämpft. Nun muss er den letzten Gang antreten, ehe sich die schwere Schlinge immer enger um seinen Hals legt. Mit ihm lebt der letzte Herrscher der berüchtigten Metropole ab.

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Noch heute gilt Cuauhtemoc, was übersetzt "landender Adler" bedeutet, als Nationalheld. Unzählige mexikanische Kinder tragen seinen Namen. Darunter auch ein Fußballer, der mittlerweile Trikot und Stollenschuhe gegen Anzugsakko und Budapester eingetauscht hat, um sich der Politik zu verschreiben: Cuauhtemoc Blanco Bravo, geboren in Mexiko City, ebenjener Stadt, die auf den Trümmern Tenochtitlans entstand.

Berühmtheit erlangte Blanco, der zwischen 1992 und 2007 bei Club America unter Vertrag stand, bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Im Auftaktspiel der Gruppe E gegen Südkorea lockte der mexikanische Nationalspieler zwei seiner Gegenspieler an die Eckfahne, um die schier aussichtslose Situation zu lösen, indem er sich den Ball zwischen die Füße klemmte und durch die beiden verdutzt dreinblickenden Lee Min-Sung und Choi Sung-Yong  hindurchsprang. Ein neuer Trick war geboren, der in der Folge entweder als "Bunny Hop“ oder "Cuauhtemina“  bezeichnet werden sollte. Die Mittelamerikaner sicherten sich in einer Gruppe mit den Niederlanden, Belgien und eben Südkorea Platz zwei, scheiterten im Achtelfinale allerdings mit 1:2 an Deutschland.

Im Anschluss wurde es ruhiger um Blanco. Auch, weil der Angreifer – aufgrund einer schweren Knieverletzung, die ihn im Jahre 2002 zurückwarf - nie wirklich den Sprung nach Europa packte. Eine zweijährige Leihe zum spanischen Klub FC Valladolid blieb das einzige transatlantische Intermezzo, zwei weitere Spielzeiten lief er für den US-amerikanischen Erstligisten Chicago Fire auf, erzielte in 61 Partien 16 Treffer. Ansonsten blieb Blanco seinem Heimatland in seiner 23-jährigen Karriere weitestgehend treu.

Seine Spielweise galt als unkonventionell. Neben dem "Cuauhtemina", den er auch nach besagter WM immer mal wieder einstreute, war Blanco dafür berüchtigt, die Kugel mit allen möglichen Körperteilen annehmen und weiterleiten zu können. So ließ er den Ball gerne mit dem Rücken abtropfen oder stoppte ihn mit dem Hintern. Während "Temo" in Europa also nahezu ausschließlich wegen seines kreierten Tricks in Erinnerung blieb, avancierte er in Mexiko zur Legende. 2005 sowie 2006 wurde Blanco zum besten Spieler des Landes gewählt, drei WM-Teilnahmen standen am Ende seiner Laufbahn zu Buche.

Blanco wird Bürgermeister 

Dass dem stets etwas dicklich und gemütlich wirkenden El-Tri-Star, dem immer auch das Image des immerzu grinsenden Spaßvogels anhaftete, auch eine machtmenschliche Komponente innewohnt, offenbarte sich dann im Jahr 2015 – kurz nachdem er seine aktive Karriere als Spieler abgeschlossen hatte. Blanco trat bei der Bürgermeisterwahl in Cuernavaca für die Partido Socialdemocrata an und triumphierte, nicht zuletzt aufgrund seiner großen Popularität. Bei der Vereidigungszeremonie kündigte er an, die von Kriminalität und Korruption geplagte Stadt ändern zu wollen.

Als politisch völlig unbeschriebenes Blatt, in einem Land, das sich einer nahezu irreversiblen Umklammerung von Drogenkartellen ausgesetzt sieht, etwas ändern, ohne selbst in den Strudel der Illegalität zu geraten? Kein leichtes Unterfangen, wie Blanco schon bald feststellen musste. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt erschütterte der Mordfall an der jungen Politikerin Gisela Mota, die selbst erst wenige Stunden zuvor ihr Amt als Bürgermeisterin der nahegelegenen Stadt Temixco angetreten hatte, den Bundesstaat Morelos. Mutmaßliche Anhänger der Drogenbande Los Rojos hatten Mota vor ihrem Haus aus einem fahrenden Auto mit Uzis niedergeschossen.

Der Grund: Die 33-Jährige unterstützte das Vorhaben der mexikanischen Regierung, die massiv von der Drogenmafia unterwanderten lokalen Polizeieinheiten durch ein integriertes Sicherheitswesen  (Mando Unico – Einheitliches Kommando) abzulösen. Blanco, Machtinhaber der Hauptstadt Morelos, hingegen sprach sich gegen eben jenes zentralistisches Projekt aus, bezeichnete Mando Unico als "Staatsstreich". Eine Haltung, die Spekulationen befeuerte, Blanco selbst würde vor der Mafia einknicken. Gouverneur Graco Ramirez erklärte diesbezüglich: "Ich habe mich mit Cuauhtemoc Blanco getroffen. Er war sehr unverschämt, und er versteht nicht, was beim Kampf gegen das organisierte Verbrechen auf dem Spiel steht.“ Und weiter: "Hinter ihm stehen Leute, die seine mangelnde Erfahrung ausnutzen, damit die Verbrechergruppen in Cuernavaca Fuß fassen können.“

Auftragskiller und Unschuldsbekundung

Wirklich heikel wurde es für den Ex-Fußballer allerdings erst im April dieses Jahres, geriet er doch plötzlich selbst ins Fadenkreuz der Justiz. Der Vorwurf: Blanco soll den Mord an dem Geschäftsmann Juan Manuel Garcia Bejarano in Auftrag gegeben haben, der am 6. April in Cuernavaca auf offener Straße niedergestreckt wurde. Belastet wurde Blanco durch die Aussagen des Täters, der darauf beharrte, Blanco habe ihn engagiert.

Cuauhtemoc Blanco GFX

"Ja, ich habe Angst um mein Leben und das Leben meiner Familie, aber ich bleibe hier. Dieser Vorfall stärkt mich darin, weiter gegen diese Menschen zu kämpfen. Warum tun die Leute das, wir sollten uns alle fragen: warum sie das tun", gab Blanco im Anschluss an Garcias Mord an. Einen Tag später veröffentlichte er ein Statement-Video bei Facebook: "Mir werden sehr ernste Dinge vorgeworfen. Es ist wichtig für mich, meine Unschuld zu zeigen. Ich werde weiterhin gegen diese Ungerechtigkeiten ankämpfen und mich vor niemandem verstecken. Ich werde Cuernavaca die Treue halten und mich gegen die haarsträubende Verleumdung wehren."

Ob Blanco tatsächlich in das Attentat auf Garcia, der enge Kontakte zu Drogenbanden gepflegt haben soll, verstrickt ist, bleibt indes offen. Klar ist jedoch, dass der Legendenstatus von "el ultimo idolo", dem letzten Idol, wie El Financiero den einstigen Trickerfinder nannte, ordentlich bröckelt. Cuauhtemoc, der letzte Herrscher der Azteken stand für sein Volk ein, verteidigte es vor der drohenden Inquisition der Spanier. Hat Blanco ebenfalls die Courage, seine Stadt vor einer ähnlichen Gefahr zu beschützen?  

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