Ex-Bayern-Juwel Berkant Göktan: Wenn früher Ruhm dich erdrückt

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Beckenbauer und Hoeneß adelten ihn, mit 17 debütierte er für Bayern, die Welt stand ihm offen. Doch Göktan scheiterte - mit allem Drum und Dran.

München. Englischer Garten. Sommer 2006. Deutschland ist gerade voll im Heim-WM-Fieber. Das Sommermärchen der DFB-Elf schreibt die Schlagzeilen, das Wetter ist bombastisch, der Englische Garten, die grüne Lunge Münchens, von Menschen übersät. Man relaxt auf der Wiese, nimmt ein Bad im erfrischenden Eisbach, genießt das Leben. Mittendrin spielen ein paar Jungs Fußball. Türken, Araber, Albaner, Afrikaner, Deutsche, Italiener - eine Multi-Kulti-Truppe. Ab und zu bleibt der eine oder andere fußballbegeisterte Schaulustige stehen, sieht ein paar Minuten lang zu. Dann geht er weiter.

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Dass unter denen, die da in der strahlenden Sonne einem alten Lederball hinterherjagen, auf Tore aus ihren Westen oder Rucksäcken spielen, einer ist, der eigentlich längst ein Weltstar hätte sein können, hätte sein sollen, ist ihnen allen nicht bewusst. Einer, den der große Franz Beckenbauer einst "das größte Talent im deutschen Fußball" nannte, den Bayern-Ikone Uli Hoeneß für unverkäuflich erklärte. Der mit 17 für den deutschen Rekordmeister in der Champions League debütierte, dem eine so rosige Zukunft prophezeit wurde.

All das ist an jenen Tagen im Englischen Garten nicht einmal zehn Jahre her. Und doch ist Berkant Göktan, obwohl erst 25, im Sommer 2006 Lichtjahre davon entfernt. Und vorerst ganz unten angekommen. "Wir haben auch öfters im Englischen Garten mit anderen Multi-Kultis gekickt", sagte der Deutsch-Türke einst im Interview mit 11Freunde über diese Zeit. Seit ein paar Wochen spielt er gar nicht mehr im Verein, versucht irgendwie, sich fitzuhalten. Sein Engagement beim 1. FC Kaiserslautern, der nächsten erfolglosen Station, hatte er vorzeitig abgebrochen.

Zeitsprung. Zurück zu den Wurzeln, wo für den kleinen "Berki" noch alles gut war. Bei Helios München, einem kleinen Verein im Osten der bayrischen Metropole, beginnt er mit dem Kicken. In der E-Jugend entdeckt ihn der große FC Bayern, holt den achtjährigen Göktan nach einem Probetraining sofort an die Säbener Straße. Schnell gilt er als Wunderkind, als kommender Star. Dass er Tore wie am Fließband schießt, wäre eine Untertreibung.

Göktan schießt für Bayerns D-Jugend 400 Tore in einer Saison

"Es waren ungefähr 400 Stück in einer D-Jugend-Saison. Da habe ich oft 10, 12 Tore in einem Spiel gemacht", blickt Göktan zurück. Bei den Bayern hält man dementsprechend große Stücke auf den jungen Stürmer, mit 13 unterschreibt er einen Vorvertrag. Die Schule vernachlässigt er, ist kaum noch da, setzt früh alles auf die Karte Fußball. Und zunächst kennt sein Weg auch lange nur eine Richtung: steil nach oben.

Göktans Potenzial war riesig. Halil Altintop, der in Kaiserslautern mit dem Wunderknaben zusammenspielte, sagte später einmal über ihn: "Was der mit dem Ball anstellte, war echt Wahnsinn. Vermutlich habe ich nie wieder einen technisch so versierten Spieler gesehen." Doch das überragende Talent reichte nicht. Zu sehr unvollendet waren Göktans Persönlichkeit, sein Charakter, seine Einstellung zum Sport.

ONLY GERMANY Berkant Göktan Jaap Stam 1998Berkant Göktan (r.) bei seinem Profi-Debüt für Bayern gegen Manchesters Jaap Stam

Schon als Teenager eckt Göktan an. Aus dem Umfeld heißt es, bereits mit 16 leistete er sich ab und an Alkoholeskapaden, tanzte aus der Reihe, hatte Allüren. "Der war sich schon sehr früh sicher, dass er ein Star ist", erinnerte sich Herbert Harbich, jahrelang ehrenamtlicher Betreuer von Bayerns Nachwuchsmannschaften, in der tz. "Das reicht dann nicht."

Das Finale um die Deutsche A-Jugendmeisterschaft 1998 hat Harbich bis heute nicht vergessen. Vor allem wegen Göktan. Oder besser gesagt wegen dessen egozentrischen Auftritts damals, der die Münchner um ihren ersten deutschen Jugendtitel überhaupt brachte. Bei Borussia Dortmund lag Bayerns U19, in der Göktan seinerzeit unter anderem an der Seite von Owen Hargreaves oder Daniel Bierofka auflief, mit 2:1 in Führung. Gut 20 Minuten vor Schluss gab es einen Strafstoß - und Göktan, obwohl einer der Jüngeren im Team und nicht als Schütze vorgesehen, schnappte sich den Ball und verschoss, vergab die Entscheidung.

Das Drama nahm danach seinen Lauf: Der BVB glich in der Nachspielzeit aus, es ging ins Elfmeterschießen. "Göktan trat noch einmal an - und scheiterte wieder", schimpft Harbich. Die FCB-Junioren waren doch noch geschlagen, Dortmund holte den Titel. Und Göktan war die tragische Rolle zuteil geworden.

Dennoch: Lange machte Göktan die fehlende Professionalität nicht sonderlich viel aus. Er spielte unbekümmert, wurde immer besser, trainierte mit 16 unter Giovanni Trapattoni bei den Profis mit, vernaschte plötzlich Weltstars wie Lothar Matthäus. Als 17-Jähriger unterschrieb Göktan dann seinen ersten Profivertrag, schmiss die Schule ganz, war bereit, voll durchzustarten.

Göktans Debüt gegen Beckham und Co.

Er debütierte mit 17 Jahren und 9 Monaten für Bayern in der Champions League. Gruppenphase, das große Manchester United war zu Gast im Münchner Olympiastadion. Eine knappe halbe Stunde durfte Göktan ran, kam für Hasan Salihamidzic, stand auf einmal gegen David Beckham oder Paul Scholes auf dem Platz. "Ich war wie in Trance", sagt Göktan.

Beinahe gelingt ihm bei seiner Premiere in der Königsklasse sogar ein Tor. Es ist diese eine Aktion, von der er selbst sagt, dass sie alles hätte verändern können, wenn sie nur anders ausgegangen wäre. "Dieser Schuss mit links, der knapp rechts am Tor vorbei ging. Manchmal denke ich: Geht der rein, wäre vielleicht alles anders gekommen." Dann hätte es vielleicht jemanden gegeben, der ihn nachdrücklich auf dem Boden gehalten hätte, ihn nicht hätte abheben lassen. Doch diese Figur gab es in der traurigen Geschichte des Berkant Göktan leider nie.

Stattdessen blieb jener Auftritt gegen United die größte Bühne, die Göktan als Bayern-Spieler erlebte. Er ließ sich ablenken, machte alles andere als den Fußball zur Priorität, absolvierte nur noch zwei weitere Pflichtspiele für den FCB - und Trainer Ottmar Hitzfeld setzte plötzlich dann doch nicht mehr auf ihn. Anfang 1999, immer noch erst 18, wird er an Gladbach verliehen, ein halbes Jahr später zu seinem ehemaligen Mentor Hermann Gerland nach Bielefeld geschickt.

Doch der Hochbegabte hinkt plötzlich hinterher. Für Gladbach macht er nur fünf Spiele, für Bielefeld immerhin 16, schießt aber lediglich ein Tor. Er verzweifelt, will zu schnell zu viel. Im Sommer 2000 kehrte er zu Bayern zurück, spielte aber fast ausschließlich bei der zweiten Mannschaft in der Regionalliga. "Der große Knacks bei Bayern war, dass ich genauso viel wie immer trainierte, aber die Leistungssteigerung nicht kam", sagte er mal dem kicker. Er stagnierte, kam nicht weiter, verdiente aber verhältnismäßig gut. "Ich verlor allmählich die Motivation. Ich habe das dann überspielt und mich auf das Geld gestürzt. Fußball war nur noch Nebensache."

Das Kapitel Bayern war 2001 schließlich endgültig beendet. Und zur Überraschung vieler kam Göktan, mit 20 Jahren ja immer noch ein Talent, beim türkischen Topklub Galatasaray unter. "Das war Wahnsinn! Bei der Vertragsunterschrift waren zwanzig Kameras und etliche Journalisten, das habe ich noch nie erlebt", schwärmte Göktan bei 11Freunde. Und auch sportlich lief es nach einem halben Jahr Anlaufzeit ordentlich. Fünf Tore steuerte Göktan zum Gewinn der türkischen Meisterschaft bei, lief in der Champions League gegen Liverpool oder Barcelona auf.

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Doch wie so oft in Göktans Laufbahn war das Hoch nicht mehr als ein kleines Aufflackern neuer Hoffnung. Im zweiten und dritten Jahr bei Gala spielte er kaum noch, ging 2004 zu Besiktas, war dort komplett außen vor. Lasche Einstellung, Pech mit Trainerwechseln - für Göktan ging es nur noch bergab. "Das hat mich psychisch fertig gemacht. Ich dachte, Junge, Du spielst nie wieder, Du bist ein Einwechselspieler. Mit jedem Schritt bin ich dem Boden näher gekommen", erklärt er.

Michael Henke, sein ehemaliger Co-Trainer bei Bayern, damals, als Göktan noch das gepriesene Jahrhunderttalent war, holte ihn zurück nach Deutschland, nach Kaiserslautern. Doch Henke wurde schnell entlassen, unter dessen Nachfolger Wolfgang Wolf spielte Göktan mal wieder überhaupt keine Rolle. Im April 2006 löste er daher seinen Vertrag beim FCK auf, flüchtete zurück nach München, in die Heimat. In den Englischen Garten.

Göktan tut alles, um sich fitzuhalten, scheint geläutert, gibt sich plötzlich demütig. "Auf dem Kunstrasenplatz meines ersten Vereins habe ich meinen Bruder ins Tor gestellt und trainiert. Ich habe alles gemacht in dieser Zeit: Fußball gespielt, Fahrrad gefahren, Schwimmen gegangen, Joggen gegangen." Sein Glück: Bei 1860 München bekommt man Wind davon, dass der einstige Mega-Youngster des großen Rivalen von der Säbener Straße wieder angreifen will. Man verpflichtet ihn zunächst für die Amateure - ehe Göktan bei den Löwen seine beiden wohl besten Jahre als Profi erlebt.

Er wird der Star der Mannschaft, das Aushängeschild von 1860. "Ich hatte endlich einmal das Glück im Leben, dass ich in München einen Trainer erwischt habe, der auf mich gesetzt hat, der richtig mit mir umzugehen wusste und der auch lange mit mir arbeiten konnte." Marco Kurz hatte ihn zu den Amateuren geholt - und als Kurz dann zum Profitrainer befördert wird, geht Göktan bei den Blauen so richtig steil. Zehn Tore in nur 13 Zweitliga-Einsätzen in seiner ersten Saison für 1860, in der zweiten Spielzeit gelingen ihm trotz dreimonatiger Verletzungspause wieder starke zehn Treffer.

Kokainskandal: Göktan flüchtet nach Thailand

"Ich habe meine Fehler von früher nicht wiederholt. Ich war wieder erfolgreich, doch ich bin diesmal auf dem Teppich geblieben", sagt Göktan 2007. Er zeigt sich reumütig über sein Scheitern bei Bayern, gibt zu: "Ich war ein Chaot. Es ist ein großes Problem gewesen, dass ich zu ungeduldig war, zu impulsiv. Mir ist der Erfolg zu Kopf gestiegen." Und will nun, da er wieder auf dem aufsteigenden Ast ist, alles besser machen, will wieder zurück in die Bundesliga. Doch seit jenem Knall im Oktober 2008 ist klar, dass Göktan abermals scheiterte.

1860 hatte aufgrund auffälligen, seltsamen Verhaltens Göktans einen Kokaintest angeordnet, der positiv ausfiel. Der kurze Ruhm schien ihm erneut nicht gut getan zu haben, eine ominöse Fußverletzung machte ihm zu schaffen. Von familiären Problemen, vor allem mit Vater Fahrettin, war zudem die Rede. Die Löwen boten ihm nach dem positiven Drogentest ihre Hilfe an, wollten den Vertrag zunächst lediglich ruhen lassen. Doch Göktan wollte davon nichts wissen, brach alle Zelte ab. Und war mit nicht einmal 28 für immer aus dem deutschen Profifußball verschwunden.

"Ich war froh, dass alles rauskam, denn damit hatte ich keinen Ausweg mehr", sagte er Jahre später über seinen Kokainmissbrauch. "Am Flughafen gab es zwei Möglichkeiten: Mexiko oder Thailand." Göktan entschied sich für Thailand, ließ den Fußball hinter sich, interessierte sich für die buddhistische Lehre, lernte seine neue, große Liebe kennen. Knapp anderthalb Jahre nach seinem Aus bei 1860 wagte er noch einmal einen Neuanfang beim thailändischen Topklub Muangthong United. Es blieb allerdings nur ein kurzes Intermezzo.

Ende 2012, mit 31, wollte er plötzlich dann doch noch einmal im deutschen Fußball Fuß fassen. Doch kaum ein Klub wollte ihn noch, es reichte nur für die Regionalliga Bayern, für den SV Heimstetten. Selbst für den Dorfklub aus der oberbayrischen Provinz absolvierte Göktan aber lediglich noch sechs Pflichtspielminuten. Ausgerechnet gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern, bei einer 0:5-Niederlage Ende Oktober 2013.

Seitdem tauchte Göktan in keinem Spielbericht mehr auf. Vielleicht kickt er noch ab und zu im Englischen Garten. Vor wenigen Schaulustigen, die ab und zu stehen bleiben. Die nicht wissen, dass sie da gerade einem ehemaligen Jahrhunderttalent zusehen. Und dann, nach ein paar Minuten, einfach weitergehen.

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