Benevento Calcio in der Serie A: Hexen im Paradies

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Der kleine Klub aus Kampanien schaffte mit seinem Durchmarsch ein Novum im italienischen Fußball. Die Erfolgsstory gleicht einem modernen Märchen.


HINTERGRUND
Es ist ein regnerischer Abend an diesem 8. Juni in Benevento. Untypisch, für diese Jahreszeit, aber die Tropfen prasseln bisweilen heftig auf die Straßen der 60.000-Einwohner-Stadt in der Nähe Neapels. Doch das Wetter stört eigentlich nicht groß. Denn es ist eh niemand unterwegs. Alle Einwohner, die es nicht ins örtliche Stadion "Ciro Vigorito" geschafft haben, sind rund um Fernsehgeräte in Bars und Wohnzimmern versammelt und bereit, den größten Erfolg in der Geschichte ihres Fußballvereins Benevento Calcio mitzuerleben.

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In besagtes Stadion der Stadt passen 12.587 Zuschauern. Am 8. Juni 2017 sind deutlich mehr Tifosi gekommen, mehr als 14.000 Anhänger drängen sich dicht an dicht und wollen das Rückspiel des Playoff-Finales um den Aufstieg in die Serie A gegen Carpi hautnah verfolgen. Das Hinspiel brachte eine Nullnummer, die Chancen auf die Sensation ihrer Mannschaft sind also völlig intakt.

Die "Hexen", ein ewiger Amateurverein

Das "Ciro Vigorito" gleicht einem Meer aus rot und gelb und die Anhänger brüllen ihre Mannschaft nach vorne. In der 33. Minute halten die Fans den Atem an: Rechtsverteidiger Lorenzo Venuti dringt unnachahmlich mit dem Ball in den Carpi-Sechzehner ein, tankt sich durch bis zur Grundlinie und bringt die Kugel nach innen. George Puscas, mit vier Treffern der Held dieser aufreibenden Playoffs, drückt den Ball aus kurzer Entfernung in die Maschen. Ekstase! Die Fans stehen Kopf, das Wunder ist nun tatsächlich zum Greifen nah.

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Und der Begriff Wunder ist im Falle Benevento Calcios keineswegs fehl am Platz! Als nach insgesamt knapp 95 Minuten aus der Pfeife von Schiedsrichter Fabrizio Pasqua der Schlusspfiff ertönt, haben die Beneventani etwas geschafft, das zuvor noch keiner Mannschaft im Land des vierfachen Weltmeister gelungen ist: Sie sind nicht nur von der Serie C durchmarschiert, sie sind dabei auch noch in ihrem ersten Jahr in der Serie B direkt aufgestiegen.

Der Jubel kennt keine Grenzen mehr. Die Tifosi liegen sich in den Armen, Schilder mit dem Aufdruck "Benvenuti Serie A" (Willkommen, Serie A) werden geschwenkt. Auf dem Feld bilden sich Jubeltrauben und Erfolgstrainer Marco Baroni ist der gefeierte Mann. Spieler liegen fassungslos vor Glück auf dem Rasen und am verregneten Himmel, das ist die Krönung, brennt ein wunderschönes Feuerwerk ab.

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Es ist der Höhepunkt eines Aufschwungs, der zwölf Jahre zuvor begann. Sporting Benevento war so etwas wie ein ewiger Drittligist. 1929 gegründet, schaffte es der Klub nie in den Profifußball. Daran änderte auch der Spitzname des Klubs "Stregoni", die Hexen, denn Benevento wird auch "Stadt der Hexen" genannt, nichts. Benevento dümpelte unterklassig daher und geriet Anfang des neuen Jahrtausends in finanzielle Schwierigkeiten.

Bankrott 2005, Zweitligaaufstieg 2016

2005 ging der Klub bankrott und wurde als Benevento Calcio neu gegründet. Die Brüder und Geschäftsleute Ciro und Oreste Vigorito übernahmen den Verein und investierten in ihr neues Herzensprojekt. Nicht im Übermaß und großen Stil, wie es heute bei Investoren oder Mäzen üblich ist. Sondern klug. Die Mannschaft wurde verstärkt, vor allem aber auch die Infrastruktur und die Nachwuchsarbeit verbessert.

Der Klub riss in der Folge zwar keine Bäume aus, doch es ging Schritt für Schritt aufwärts. Der Tod von Ciro Vigorito, nach dem mittlerweile das Stadion benannt ist, bedeutete 2010 einen Rückschlag, der weggesteckt wurde.

In der Saison 2015/16 nahm das Märchen mit dem Aufstieg in die Serie B seinen Lauf. Aber auch in dieser Spielzeit lief erst einmal nicht alles nach Plan, Oreste Vigorito trat als Präsident zurück. Die Mannschaft spielte trotzdem den besten Fußball in der Serie C1, sammelte 70 Zähler und stieg erstmals in die 2. Liga auf.

Nun ist die Kluft zwischen der dreigeteilten Serie C und der Serie B enorm, viele Aufsteiger tun ich hier sehr schwer. Im Kader Beneventos standen damals noch zahlreiche Halbprofis, die alleine vom Kicken nicht leben konnten. Als dann vor der Saison auch noch der gewiefte Taktiker Gaetano Autera überraschend als Cheftrainer die Brocken hinschmiss, war mit einer schweren Saison zu rechnen. Oreste Vigorito, mittlerweile wieder Chef des Klubs, verpflichtete Marco Baroni (Ex-Coach von Novara und Pescara) als neuen Trainer und tätigte damit einen Glücksgriff.

"Unsere Spieler sind keine Higuains oder Dybalas"

Die Hexen versteckten sich in der neuen Liga nicht, sondern setzten weiter auf den Angriffsfußball, der sie 2015/16 erstmals zum Gesprächsthema unter Italiens Fußballexperten gemacht hatte. Nach ordentlichem Saisonstart reichte es am Ende zu einem Platz in den Playoffs für den Aufsteiger und das Happy-End ist bekannt.

Präsident Vigorito war nach dem Aufstieg in Gedanken bei seinem verstorbenen Bruder und dessen Traum von Italiens Eliteliga: "Es war ein Versprechen, das sich zwei Menschen gegeben haben. Zwei Menschen, die als Brüder geboren wurden und dann Freunde wurden. Ciro und ich haben uns immer wieder gesagt, dass wir es für immer versuchen werden. Und nun sind wir da." Weiter sagte er: "Wir haben einen guten Trainer ausgesucht und uns auch nicht verrückt machen lassen, als wir anfingen, den besten Fußball der Serie B zu spielen."

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Knapp zehn Wochen sind nun seit der Sensation Anfang Juni vergangen und in wenigen Tagen startet das Abenteuer Serie A mit einem Auswärtsspiel bei Sampdoria Genua. Der Kader besteht im Serie-A-Vergleich weiter aus No-Names. Inter-Leihgabe Puscas, Torjäger Fabio Ceravolo (21 Treffer in der Vorsaison) und Ex-Roma-Talent Amato Ciricetti sind die größten Namen. 32,95 Millionen Euro ist der Kader gemäß transfermarkt.de insgesamt wert. Also etwa ein Drittel der italienischen Rekordablöse, die Juventus vor zwei Jahren für Starstürmer Gonzalo Higuain an den Nachbarn Napoli überwies. Und dennoch sollte niemand den Fehler machen und Benevento in der kommenden Saison unterschätzen.

Oreste Vigorito formulierte es so: "Unsere Spieler sind keine Gonzalo Higuains oder Paulo Dybalas. Aber sie verfügen wie sie über große Herzen. Vielleicht sogar über noch größere. Nun wartet die Serie A und wenn du dort bist, willst du nicht wieder runter. Wir bevorzugen es, im Paradies zu bleiben."

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