Amin Younes: Der deutsche Dribbelkönig von Amsterdam

TeilenSchließen Kommentare
In der Europa League dribbelt niemand so gut wie Amin Younes. Wir haben uns mit ihm über Ajax, seine Skills und seine Entwicklung unterhalten.


EXKLUSIV

Studiert man die Statistikbögen der  Europa League , stellt man fest: Ein Deutscher ist der mit großem Abstand erfolgreichste Dribbler der laufenden Saison (58). Doch wer vernascht seine Gegenspieler mehr als doppelt so häufig wie der zweitplatzierte ManUnited-Star Paul Pogba (26)? Nicht etwa Schalkes Leon Goretzka , Max Meyer oder Gladbachs Patrick Hermann führen diese Liste an, sondern ein Spieler, den hierzulande wohl nicht jeder auf den Zettel hat. Sein Name: Amin Younes .

Erlebe den Clasico am Sonntag live auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

Verfolgt man ausschließlich die Bundesliga, war bis zur letzten Woche sogar die Frage erlaubt, wo das einstige Talent aus Mönchengladbach heute eigentlich seine Sporen verdient. Seit dem Hinspiel im Viertelfinale zwischen Ajax Amsterdam und dem FC Schalke hat sich diese Frage allerdings erübrigt. Denn inzwischen ist der 18-malige U21-Nationalspieler wieder in aller Munde.

Als Linksaußen wurde Younes am vergangenen Donnerstag zum Albtraum der Gelsenkirchener. Allen voran sein Gegenspieler Thilo Kehrer wird noch immer zusammenzucken, wenn er den Namen des quirligen Dribblers hört. Ein ums andere Mal spielte er den Schalker Youngster schwindlig und zeigte ihm deutlich seine Grenzen auf. So auch nach rund 22 Minuten, als Younes leichtfüßig an Kehrer vorbeizog, ihm einen Beinschuss verpasste und anschließend im Strafraum von Alessandro Schöpf von den Beinen geholt wurde.

"Das hat man einfach", sagt Younes zu Goal über seine Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins. Der Deutsch-Libanese lernte früh, sich zu behaupten. Beim Kicken auf den Straßen seines Heimatortes nahe Düsseldorf.  "Wir hatten früher einen kaputten Ball und 50 Jungs, die damit spielen wollen. Du musst schon was drauf haben, um dann die Kugel zu verteidigen", erklärte er einst. "Ich war schon immer klein und musste trotzdem einen Weg finden, mich durchzusetzen."

Dabei hört Younes immer auf seinen Bauch. Instinktiv müsse man handeln, wenn sich der gegnerische Verteidiger in den Weg stellt. "Das ist wichtig", betont er.

"Bemerkenswerte Entwicklung"

Den Strafstoß, den Younes dank seiner Dynamik im Hinspiel herausholte, brachte Ajax-Kapitän Davy Klaassen zur Führung im Tor unter. Der Anfang vom Ende für die Knappen, die das Spiel schließlich mit einer schmeichelhaften 0:2-Niederlage beendeten. Gleichzeitig war es aber auch so etwas wie die Wiedergeburt für Amin Younes, der seither auch in Deutschland wieder wahrgenommen wird und sich vor Presse-Anfragen kaum mehr retten kann.  

Doch warum blieb der kleine Tempodribbler für viele in den letzten Jahren unter dem Radar? An seinen Leistungen in der Eredivisie lag es in jedem Fall nicht, denn schon in seiner ersten Saison bei Ajax gehörte er zum erweiterten Stammpersonal und verzeichnete in 27 Ligaspielen acht Treffer und neun Torvorlagen. Mit mehr Startelfeinsätzen und einer wichtigeren Rolle im System von Trainer Peter Bosz konnte er sich in seinem zweiten Jahr in den Niederlanden sogar noch steigern, sodass selbst Schalkes Sportvorstand Christian Heidel ins Schwärmen gerät: "Wie sich Amin Younes entwickelt hat, ist bemerkenswert."

GFX Stats Amin Younes

Vor allem im athletischen Bereich hat sich Younes in den letzten Monaten stark verbessert. Wurde ihm in der Vergangenheit noch häufig seine fehlende körperliche Robustheit vorgeworfen, ist er heute robust wie nie zuvor in seiner Laufbahn. Auch dank seiner Körpergröße von nur 1,68 Meter ist er zudem extrem wendig und gerade im Antritt kaum zu halten - was zuletzt auch die Schalker feststellen mussten.

"Das Ziel ist es, Eins-gegen-Eins-Situationen und Doppelpässe zu suchen und schnell in Abschlusssituationen zu kommen", sagt Younes über die Philosophie der Niederländer, die offenbar gut zu ihm passt. Ajax habe ihm sehr dabei geholfen, sich weiterzuentwickeln - als Fußballer, aber auch als Mensch. "Ich habe sehr viel davon profitiert, mit Trainern zusammenzuarbeiten, die fachlich erstklassig sind: Dennis Bergkamp etwa, Frank de Boer oder Peter Bosz."

U21-EM als Türöffner

Doch es ging längst nicht immer nur bergauf in der Karriere des gebürtigen Düsseldorfers. Zwar feierte er als 18-Jähriger einen perfekten Einstand in die Bundesliga und traf gleich in seinem ersten Spiel für Borussia Mönchengladbach, doch zum unumstrittenen Stammspieler reichte es im ersten Anlauf nicht. 2014/15 sollte eine Leihe zum 1. FC Kaiserslautern helfen, um sich in Deutschland durchzusetzen, doch der Schritt in die Pfalz erwies sich aus sportlicher Sicht wenig entwicklungsfördernd.

Geplagt von Verletzungen kam er auch bei den Roten Teufeln nicht auf stetige Einsatzzeiten. So blieb ihm beim FCK häufig nur die Joker-Rolle - und unter dem Strich stehen magere 15 Einsätze beim Zweitligisten, in denen Younes zwei Treffer erzielte und zwei weitere vorbereiten konnte. Zwischenzeitlich schickte ihn der damalige Trainer Kosta Runjaic sogar in die Reserve in der Regionalliga, um Spielpraxis zu sammeln. Statt wie heute in der ausverkauften Amsterdam ArenA bei Europa-League-Krachern wie gegen Schalke auf dem Rasen zu stehen, spielte der damalige Junioren-Nationalspieler vor nicht einmal zwei Jahren noch gegen FK Primasens, Kickers Offenbach oder Elversberg – Namen, die kein bisschen nach Europapokal klingen.

Als im Sommer 2015 die Leihe in Kaiserslautern zu Ende ging, wurde Younes trotz mangelnder Spielpraxis und durchwachsener Saison für die U21-EM nominiert. Eine Entscheidung, für die selbst Trainerlegende Horst Hrubesch Kritik erntete. Spätestens, als der Rechtsfuß in den ersten beiden Spielen aber in der Startelf stand und mit seinen Dribblings überzeugte, hinterfragte die Nominierung niemand mehr. Zwar schieden die DFB-Junioren im Halbfinale aus, doch Younes spielte sich erneut in den Fokus und die Interessenten für den Mönchengladbacher standen Schlange.

Perspektive wichtiger als das schnelle Geld

Schließlich entschied er sich für das Angebot vom niederländischen Rekordmeister aus Amsterdam. "Ich hatte auch andere Optionen, aber ich war mir sicher, dass Ajax menschlich und fußballerisch am besten zu mir passt. Ich konnte mich mit der Art des Fußballs sofort identifizieren und habe Vertrauen gespürt", erklärte er im Interview mit der dpa. Nach Goal-Informationen lehnte er für das Ajax-Angebot sogar deutlich höher dotierte Offerten ab.

Auch in den letzten Monaten trafen nach Informationen unserer Redaktion mehrere Angebote für den Tempodribbler bei Ajax ein. Da Younes allerdings noch bis 2018 in Amsterdam unter Vertrag steht und er sich rund 230 Kilometer entfernt von seiner Heimat pudelwohl fühlt, scheint ein Wechsel derzeit unwahrscheinlich.

Er lernt immer weiter dazu, nicht nur auf dem Rasen. "Wenn man sieht, welch große menschliche Qualitäten Leute wie Edwin van der Sar, Clarence Seedorf oder Marc Overmars besitzen, dann lernt man, dass man nie vergessen darf, wo man herkommt", so Younes. "Das ist sehr wichtig im Fußball-Geschäft."

Blickt man zurück auf die letzten zwei Jahre, hat sich für den 23-Jährigen der Schritt zum niederländischen Rekordmeister jedenfalls voll ausgezahlt. Allen voran die Verantwortlichen seiner Ex-Klubs aus Kaiserslautern und Mönchengladbach werden am Donnerstagabend wohl etwas wehmütig vor dem Fernseher sitzen, wenn Younes als einer der Protagonisten im Viertelfinale der Europa League auf dem Rasen steht. Und die Schalker Hintermannschaft mit seinen Dribblings womöglich erneut schwindlig spielt.

Folge Goal-Reporter Robin Haack auf  

Nächster Artikel:
Mbappe, Gabriel Jesus und Dembele auf Golden-Boy-Shortlist
Nächster Artikel:
Leipzigs Timo Werner träumt von der Premier League
Nächster Artikel:
Guido Burgstaller: Schalkes unsichtbarer Matchwinner
Nächster Artikel:
Sieg gegen Mainz: Schalke bleibt oben dran
Nächster Artikel:
Hajduk Split gegen Dinamo Zagreb im LIVESTREAM: DAZN, Stream, Stars, Tabelle und alle Informationen
Schließen