FC Bayern München und Jupp Heynckes: Ein Schritt in die Vergangenheit

Jupp Heynckes übernimmt den FC Bayern bis Saisonende. Eigentlich war das abzusehen, man musste nur genau hinhören vor vier Jahren.
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HINTERGRUND

Eigentlich hätte man nur gut zuhören müssen an diesem Dienstagmittag. Es war der 4. Juni im Jahr 2013, als Jupp Heynckes zum vorerst letzten Mal das Podium im Medienraum des FC Bayern München bestieg. Wenige Tage, nachdem er das Triple gewonnen hatte. Heynckes saß also da vor all den Reportern in einem kariertem Hemd und einem gräulichen Sakko, das etwas angestaubt wirkte zwischen den dunkel gehaltenen Maßanzügen, in denen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge steckten.

Offiziell: FC Bayern holt Heynckes aus dem Ruhestand

Heynckes verlor ein paar Tränen, er sprach von seinem Verhältnis zu seinem engen Freund Uli Hoeneß, von seiner geliebten Frau Iris. Und er sprach darüber, wie "wahnsinnig anstrengend und umfangreich" seine Arbeit, die letztlich in dieser historisch erfolgreichen Saison gemündet ist, eigentlich gewesen sei. Heynckes sprach davon, "erstmal" Urlaub zu machen, sich zurückzuziehen, zu regenerieren, zu reflektieren und trotz zahlreicher Angebote "zum 1.7." keinen neuen Klub zu übernehmen. Wovon er nicht sprach: Von Rücktritt oder Karriereende. "Ich habe persönlich etwas gegen endgültig. Ich bin in einer Situation, in der ich das nicht bekanntgeben sollte", sagte er. Es war die Heynckes-Variante der "Das-war's-noch-nicht"-Rede von Uli Hoeneß.

Karl-Heinz Rummenigge ahnte schon damals, dass der Zeitpunkt nochmal kommen könnte, an dem Don Jupp wieder einmal gebraucht wird an der Säbener Straße. "Er hat eine Art Carte blanche beim FC Bayern", erklärte der Vorstandsboss, so etwas wie eine Handlungsbefugnis also. "Wir sollten das, was Jupp verkündet hat, respektieren", sagte Rummenigge: "Und trotzdem - das kann ich Dir heute schon androhen - möchte ich - wenn der Urlaub irgendwann mal vorbei ist und die Lebensgeister zurückkommen, lieber Jupp - gemeinsam mit Uli nochmal ein Gespräch mit Dir führen und schauen, ob die Tür nicht noch ein bisschen weiter geöffnet wird, als sie im Moment ohnehin schon geöffnet ist."

Galerie: Jupp Heynckes - Ein Leben für den Fußball

Im Oktober 2017 war er dann gekommen, der Zeitpunkt, an dem Heynckes nur noch hindurch spazieren musste durch diese Tür. Die Führungsetage des FC Bayern hatte Heynckes Anfang des Monats gebeten, die Nachfolge des geschassten Carlo Ancelotti anzutreten. Doch Heynckes tat nicht das, was womöglich viele andere in dieser Situation getan hätten. Er stürmte nicht einfach blind hindurch. Obwohl er sich topfit fühlte, tastete er sich ganz langsam heran an die Schwelle, auf dem Weg analysierte und hinterfrage er, vor allem sich selbst, in dem Wissen um seine viereinhalbjährige Abstinenz und um die in dieser Zeit weiter vorangeschrittene Entwicklung des Fußballs.

Heynckes wohl wichtigste Aufgabe

Wahrscheinlich erinnerte er sich dabei auch an jene Pressekonferenz vom 4. Juni 2013. Daran, wie ausgelaugt er sich fühlte, wie er an sein persönliches Limit gestoßen war. Der Trainerjob koste "wahnsinnig viel Substanz, Kraft und Energie", hatte Heynckes ja damals gesagt. Er hatte zugegeben, gemerkt zu haben, "dass ich ein gewisses Alter erreicht habe, in dem man vielleicht auch die Strapazen spürt und die Regeneration ein bisschen länger dauert". Seinerzeit war Heynckes 68, heute ist er 72. Er muss gut regeneriert haben in den vergangenen Jahren, sehr gut sogar. 

Auch Hinweise darauf, was sich die Bayern jetzt von Heynckes erhoffen, gab es schon - genau - am 4. Juni 2013. "Jupp hat vorbildlich gearbeitet, ist vorangegangen und hat alles dafür getan, diesen Verein zu diesem unglaublichen Erfolg zu führen. Die Spieler sind ihm gefolgt, zum Teil blind", sagte Hoeneß. Essentiell dafür war, "dass es Jupp geschafft hat, diese Mannschaft zu einer Einheit zusammenzuführen, 25 hochkarätige Spieler zu Freunden zu machen. Wenn man diese gemeinsame Freude erlebt hat, selbst am Sonntagabend noch, als wir nochmal bis 1 Uhr, 2 Uhr 3 Uhr den einen oder anderen Spieler mit purer Freude erlebt haben, obwohl wir nach all den Feiern schon müde waren. Da haben Karl-Heinz und ich gesehen, was Jupp aus dieser Mannschaft gemacht hat."

Genau das soll Heynckes bitteschön wiederholen. Er soll einen neuen Teamspirit hervorbringen, aus aktuell ziemlich vielen Ich-AG's eine Einheit formen. Womöglich ist genau das kurzfristig sogar die wichtigste Aufgabe des erfahrenen Fußballlehrers, dem seine Vergangenheit dabei zugute kommen dürfte. Allein im Champions-League-Finale 2013 standen sieben noch heute aktive Spieler in seiner Startelf: Manuel Neuer, Jerome Boateng, Javi Martinez, David Alaba, Arjen Robben, Franck Ribery und Thomas Müller. Diese größtenteils wichtigen Führungsspieler werden gleich hinter ihm stehen. Bei der Mission, die zuletzt gespaltene Mannschaft zu einen, könnte zudem seine Beziehung zu Arturo Vidal ein Schlüssel sein. Heynckes spricht fließend Spanisch, er formte Vidal in Leverkusen zum Star, wollte ihn bereits 2011 nach München holen.

Es brauchte einen Internen

Welch ungeheuren Stellenwert der Trainer-Routinier genießt, verdeutlicht allein, was Jerome Boateng in der Nacht zum Freitag nach dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft in Nordirland sagte. "Jupp Heynckes", meinte Boateng, "hat alles, was ein guter Trainer braucht. Das ist ein ganz großer Coach. Eine bessere Lösung gibt es nicht." Weil sich Heynckes "im internationalen Fußball und in der Bundesliga" auskenne. Weil er den Klub "in- und auswendig" kenne. Weil er ein Trainer mit "Fingerspitzengefühl" sei, der auch "gut mit den Oberen zurechtkommt".

 

Gut mit den Oberen zurechtkommen, das ist ja so eine Sache bei den Bayern. Die Oberen kommen ja selbst noch nicht wieder so richtig zurecht miteinander. Wie eine "Scheidung" sei sein Wegbrechen aus den hübschen Büroräumen an der Säbener Straße gewesen, sagte Hoeneß neulich über seinen Gefängnisaufenthalt und über die Beziehung zu Rummenigge. "Wir haben noch nicht wieder geheiratet", bestätigte Rummenigge kurz darauf. Vorher und nachher waren die Meinungen der starken Männer des FC Bayern bei verschiedensten Themen in eher ungesunder Häufigkeit weit auseinandergedriftet. Da konnten sie jetzt, inmitten einer Saison, die bislang ganz und gar nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen, keinen Externen gebrauchen. Einen wie Thomas Tuchel, der sich erst an die Umstände und Gegebenheiten gewöhnen muss und womöglich nach Vorstellung der bayrischen Führungsetage zu viel umgekrempelt hätte. Die Heynckes-Wahl war zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich alternativlos, sie war die bestmögliche Lösung.

Heynckes kennt schließlich nicht nur die Oberen, er kennt auch diese Situation, von jetzt auf gleich beim großen FC Bayern mit der Arbeit zu beginnen. Bereits zum vierten Mal wurde er nun vom Rekordmeister verpflichtet. Während seiner ersten Amtszeit wurde er zweimal Meister in vier Jahren. Dann folgte auf eine titellose Saison eine Phase von vier sieglosen Spielen und letztlich die Entlassung. Eine Entscheidung, die Hoeneß später "als größte Fehlentscheidung" seiner Karriere bezeichnen sollte.

Im April 2009 holten die Bayern Heynckes dann als schnelle Lösung. Heynckes lieferte und führte Bayern auf direktem Wege in die zwischenzeitlich gefährdete Champions League. Im Sommer 2011 durfte er sich dann noch einmal richtig beweisen. Mit Vorbereitung und so. Die erste Saison lief gar nicht gut. Sportlich ja eigentlich schon, aber am Ende waren die Bayern eben Dreifach-Zweiter. Das hatte schon Leverkusener Züge, insbesondere die Niederlage im Finale dahoam schmerzte. Erst dann, nach der vielleicht schmerzhaftesten Saison mit der ganz sicher schmerzhaftesten Niederlage der Klubgeschichte folgte der historisch größte Triumph.

Nun soll es Jupp noch einmal machen. Er muss nicht das Triple gewinnen, natürlich nicht, aber ein Titel dürfte es dann schon sein am Ende der Saison. Heynckes weiß das natürlich, er kennt das ja alles. Deswegen wollte er seinen Bauernhof in Schwalmtal bei Mönchengladbach auch nur verlassen, wenn alles geregelt ist. Dazu zählte, seinen früheren Co-Trainer Peter Hermann von Fortuna Düsseldorf loszueisen, jenen Mann, über den Toni Kroos einmal sagte, er sei "der beste Co, den ich je hatte".

Die Voraussetzungen sind nun gegeben. Der FC Bayern geht mit Heynckes einen Schritt zurück in die Zukunft. Oder ein Schritt nach vorn in die Vergangenheit. Man hätte es ahnen können nach dem 4. Juni im Jahr 2013.